Ehrbarer Kaufmann

Herkunft und Vision einer kulturellen Leitidee

Der Ehrbare Kaufmann in der Krise

Unternehmer befinden sich beständig im Fokus der Öffentlichkeit, der Politik, der Medien; ihr Tun wird beobachtet und bewertet. Das ist vorrangig darauf zurückzuführen, dass Unternehmer mehr als andere Verantwortung in der Gesellschaft tragen. Verantwortung für ihr Unternehmen, ihre Mitarbeiter und nicht zuletzt für die politische, ökonomische und kulturelle Entwicklung ihrer Region. Diese Verantwortung war und ist ein zentraler Bestandteil, wenn es darum geht, den Begriff des Ehrbaren Kaufmanns näher zu beschreiben. 
Es ist nachzuvollziehen und verständlich, dass das Bild des Unternehmers in der Öffentlichkeit nicht nur von seinem eigenen Tun geprägt ist, sondern auch von Ereignissen und Entwicklungen innerhalb der Gesamtwirtschaft einer globalisierten Welt. Augenfällig ist der Zusammenhang zur Finanz- und Wirtschaftskrise in den letzten Jahren. Der verantwortungslose Umgang mit Vermögenswerten in einem Umfang, der sich jeder Vorstellungskraft entzieht, zog die Wirtschaft in eine Debatte, die jeden einzelnen Unternehmer betraf. Die Versuchung, „Geld nur mit Geld zu verdienen und nicht mit der Wertschöpfung von Gütern und Dienstleistungen“ und die „Verrohung der Wertschöpfung ohne Wert“ bestimmt Dahrendorf als Ursachen der gegenwärtigen Krise und bringt die soziale Marktwirtschaft mit den individuellen Konzepten der Tugend des Maßhaltens im Sinne einer angestrebten Nachhaltigkeit in Verbindung: „Verantwortung verlangt Nachhaltigkeit, also das Denken in zumindest mittleren Fristen.“ (Dahrendorf, Ralf; Die verlorene Ehre des Kaufmanns, 2009)
Gehälterdebatten, Steuerhinterziehung und Steuerflucht, aber auch die Umweltkatstrophe von Fukushima zeichneten ein Bild des gierigen Kapitalismus und seiner Protagonisten. Das System der Marktwirtschaft wird angeprangert und es ist en vogue, der Verstaatlichung und Rekommunalisierung weiter Bereiche der Privatwirtschaft zu huldigen. Eine Tendenz, die nicht nur auf die leeren Kassen von Staat und Kommunen zurückzuführen ist, sondern auch auf das verloren gegangene Vertrauen in die Wirtschaft und ihre Vertreter.
Das Modell des Ehrbaren Kaufmanns, der gerade in Deutschland die wirtschaftliche und soziale Entwicklung mitbestimmte und prägte, wurde durch diese Ereignisse kritisch hinterfragt; der Begriff verlor sein wesentlichstes Merkmal: die Glaubwürdigkeit.
Bevor jedoch gezeigt wird, warum gerade dieser Begriff so wichtig in der heutigen Zeit ist (manifestieren sich an ihm doch auch die paradigmatischen Glaubenskämpfe unterschiedlicher ökonomischer Ideen) sollen die Entstehung des Begriffs und der Idee kurz umrissen werden.
Es lohnt ein Blick in die Geschichte: Die intensive Auseinandersetzung mit den historischen Wurzeln und den Debatten der Gegenwart kann zu einem modernen Ehrbarkeitsbewusstsein unter Unternehmern und Managern führen, das letztlich auch eine Vision für vernünftiges Wirtschaften beinhaltet.

Herkunft und Begriff des Ehrbaren Kaufmanns - gegen das Misstrauen

Der Aufstieg der Hanse in Nordeuropa ist unzertrennlich mit dem Bild des Ehrbaren Kaufmanns verbunden. Der lockere hansische Städtebund konnte nur durch gegenseitige Toleranz und die Anwendung des tugendhaften Verhaltens zu solch geschichtsbestimmender Größe heranwachsen. Es war wohl Hinrich Castorp, ein Lübecker Bürgermeister und Hansekaufmann, der im 15. Jahrhundert jenen Begriff des Ehrbaren Kaufmanns prägte und ihn mit Inhalten untersetzte. Ein Jahrhundert früher konnte man in italienischen Kaufmannshandbüchern vom „wahren und ehrlichen Kaufmann“ lesen. 
Die Idee vom Ehrbaren Kaufmann war erforderlich, weil die Kaufleute und insbesondere die Händler – ganz im Gegensatz zu den Handwerkern – einen schlechten Ruf genossen. Betrügereien und Schwindel waren an der Tagesordnung und prägten so den schlechten Ruf der Kaufmannschaft. „Ein Kaufmann kann sich nur schwer hüten vor Unrecht und Sünde“ (Jesus, Sirach 26/28) so auch das biblische Vorurteil, dass das Misstrauen der Bauern und Handwerker gegenüber den Kaufleuten noch verstärkte.
„Aufgabe der Hansetage war, allgemeine Vorschriften über den Handel und den Verkehr zu erlassen. So wurde die Art der Bereitung des Tuches, seine Güte und Beschaffenheit, die Lage und Breite der Stücke, die Art der Abstempelung genau festgelegt, und es wurde streng auf reelle Belieferung der Käufer geachtet. Kunstgriffen und Betrügereien trat der Bund scharf entgegen. Selbstverständlich kamen sie dennoch vor. So wird geklagt, daß in Heringstonnen öfter eine Lage frischer Heringe die darunter befindlichen Lagen verdorbener Ware verdeckte, dass Säcke mit Baumwolle im Inneren Steine enthielten, um ein höheres Gewicht vorzutäuschen und dergleichen.“ (Maß, Konrad; Die deutsche Hanse, 1926)
Schon Aristoteles sah in der Chrematistik (Kunst des Gelderwerbs), die den Tausch zum Selbstweck machte, ein dubioses Geschäft. Hinzu kam das biblische Zinsverbot, das Jahrhunderte lang insbesondere die Geldverleiher mit einem Kainsmal versah. „Wenn du meinem Volk Geld leihst, einem Armen, der bei dir wohnt, so sollst du an ihm nicht handeln wie ein Wucherer; du sollst ihm keinen Zins auferlegen“ (2. Buch Mose 22/24).
Der Tausch – beschränkt auf den eigenen Bedarf – und Kapital, das sich nicht durch sich selbst vermehren darf, waren zwei Dogmen, die es den Kaufleuten schwer machten, Anerkennung in der Gesellschaft zu finden und ihr Unternehmen erfolgreich zu führen (vgl. hierzu auch: Stolz; Richard; Der Ehrbare Kaufmann, 2008). Es waren aber auch die Kaufleute, die die Welt öffneten, die durch ihre Reisen und den Kontakt mit fremden Kulturen dazu beitrugen, Fortschritt und neue Ideen nach Deutschland zu bringen. Redlichkeit, Vertrauen und Annahme fremder Kulturen waren für die Kaufleute Grundvoraussetzungen für eine Akzeptanz in der Fremde, für erfolgreiche Geschäfte und dann auch für Anerkennung in der heimischen Gesellschaft.
Mit der stürmischen Entwicklung der Handelsplätze in Italien und im norddeutschen Raum (Hanse) mussten die genannten Dogmen weichen, wollten doch auch die Städte, die Bürger, der Adel von der wirtschaftlichen Entwicklung partizipieren. Es setzten sich Positionen durch, dass der Kaufmann, der Händler, der Geldverleiher schließlich auch verschiedene Risiken auf sich nähmen und diese zu honorieren seien.
Diese fundamentale Erkenntnis im ökonomischen Verständnis der damaligen Zeit wurde begleitet durch ein neues Selbstverständnis der Kaufleute. Sie erkannten, dass langfristiger Erfolg in ihrem Handel nur möglich war, wenn sie sich an bestimmte ethische Prinzipien des Miteinanders halten.
Historisch betrachtet sind mit der Herausbildung des Begriffs „Ehrbarer Kaufmann“ zwei für die Entwicklung der deutschen Wirtschaft wesentliche Axiome gesetzt worden: Zum einen wurden Leitlinien für das eigene Handeln entwickelt. Der Begriff des Ehrbaren Kaufmanns entfaltete dabei über den Ehrenkodex der Unternehmer eine normative Wirkung, die Fehlverhalten schon aus Selbstschutzgründen nicht dulden konnte.
Zum anderen hatte die Leitidee des Ehrbaren Kaufmanns auch eine identitätsstiftende Wirkung, in Abgrenzung zu den Handwerkern und dem Adel, die per se hohes Ansehen in der Bevölkerung genossen. Ein Effekt, der bis in die heutige Zeit anhält.

Der Ehrbaren Kaufmann in den Kategorien von Gut und Böse

Heutzutage beklagen die Unternehmer auch in Ostbrandenburg wieder eine schwindende Akzeptanz in der Öffentlichkeit und hier auch in Politik und Medien. Es entfaltet sich ein Gefühl, dass Geldverdienen, dass Gewinne machen per se schlecht sei. Die Leistungen der Unternehmer, wie Arbeitsplätze schaffen, Ausbildung junger Menschen, Steuern zahlen, ihr Engagement in den Kommunen und ihrer Region und vieles mehr wird ausgeblendet. Es bleibt der latente Vorwurf der Ausbeutung, des sich Bereicherns, der Verantwortungslosigkeit und ähnliches mehr.
Freilich ist das Leben leichter, wenn wir in Kategorien denken: Gut und Böse, Richtig und Falsch, Arm und Reich. Diese Kategorien bestimmen auch den politischen Diskurs und die medial gestärkten Dogmen und Vorurteile. Letztlich ist es der einfache Weg, mit der Komplexität des Lebens fertig zu werden.
Zu diesen pauschalen Zuordnungen zählt - und dies schon seit Jahren - eine mehr als kritische und teils unsachliche Sicht auf die Wirtschaft und ihre Vertreter, die Unternehmer. Verstärkt wurde der Prozess zunehmenden Misstrauens gegenüber marktwirtschaftlichen Strukturen und ihrer Protagonisten auch durch die beschriebenen, teils globalen Prozesse der organisierten Verantwortungslosigkeit an den Finanzmärkten.
Die Polarisierung in Arm und Reich – die in unserem Kulturraum nicht unwesentlich von einer religiösen Folie mit langer Tradition geprägt ist – verteufelt denjenigen, der Mut zur Selbstständigkeit hat und das Risiko des Unternehmertums auf sich nimmt. Diese Dogmen sind weder richtig noch lassen sie eine Kultur der Selbstständigkeit aufkommen, eine Kultur des modernen Unternehmertums mit Verantwortung in und für Politik und Gesellschaft und vor allem für die eigene Region; eine moderne Kultur, die sich den Traditionen des Ehrbaren Kaufmanns verpflichtet sieht. Noch scheint es in Brandenburg jedoch so zu sein, dass die Sicherheit einer Verbeamtung dem Risiko der Selbstständigkeit vorgeht.
Das Leben ist leichter, wenn man in Kategorien denkt. Eine Leichtigkeit, die uns ärmer macht, die uns Fehleinschätzungen treffen lässt und die der Vielschichtigkeit des Lebens nicht gerecht werden kann.

Die Leitidee des Ehrbaren Kaufmanns

Die Werte, die der Ehrbare Kaufmann nun schon seit mehreren hundert Jahren vertritt, unterlagen sicher einigen sprachlichen Wandlungen. Vom Kern her sind sie jedoch gleich geblieben und lassen sich wie folgt beschreiben:
  • Der Ehrbare Kaufmann ist freiheitlich orientiert und weltoffen.
  • Er steht zu seinem Wort, sein Handschlag gilt. Er gewährt und fordert Vertrauen, verhandelt fair, leistet pünktlich, rechnet korrekt ab.
  • Der Ehrbare Kaufmann entwickelt kaufmännisches Urteilsvermögen. Er hat ein fundiertes wirtschaftliches Wissen, das ihn befähigt, seine Geschäfte erfolgreich zu führen.
  • Der Ehrbare Kaufmann ist Vorbild in seinem Handeln. Er lässt sich erkennbar von seinen Werten leiten, auch in schwierigen Situationen.
  • Der Ehrbare Kaufmann schafft in seinem Unternehmen die Voraussetzungen für ehrbares Handeln. Er wirkt auf die Organisation ein und gibt vor, dass seine Maximen gelebt werden. Anstand, Ehrlichkeit, Verlässlichkeit, Verantwortlichkeit, Redlichkeit, Sparsamkeit, Weitblick, Entschlossenheit, Fleiß, Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit und Diskretion sind Tugenden, die die eigene Glaubwürdigkeit schärfen und Vertrauen schaffen. Sie sind gegenüber Mitarbeitern und Geschäftspartnern unerlässlich.
  • Der Ehrbare Kaufmann legt sein unternehmerisches Wirken langfristig und nachhaltig an. Er reflektiert die Folgen seines Handelns für sein Unternehmen und sein Umfeld.
  • Der Ehrbare Kaufmann hält sich an das Prinzip von Treu und Glauben. Treu und Glauben verpflichtet zu einer Rücksichtnahme auf die berechtigten Interessen anderer und zu einem redlichen und loyalen Verhalten im Geschäftsverkehr. Denn nicht alles, was rechtlich zulässig ist, ist auch ehrbar!
  • Der Ehrbare Kaufmann erkennt und übernimmt Verantwortung für die Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Er sieht die Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung als notwendigen Rahmen für sein Handeln an. Er tritt für Freiheit, soziale Sicherheit und Wahrung der Menschenwürde ein.
  • Der Ehrbare Kaufmann tritt auch im internationalen Geschäft für seine Werte ein. Als kritischer Partner sucht er Einfluss auf abweichende Praktiken. (vgl. hierzu auch: Leitbild der „Versammlung eines Ehrbaren Kaufmanns zu Hamburg e.V.“; Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns der IHK Ostbrandenburg)

Der Ehrbare Kaufmann – eine Vision für nachhaltiges Wirtschaften

Dahrendorf kritisiert im genannten Artikel die neu entstandene „globale Elite, [...] deren Mitglieder vornehmlich aufeinander blicken und nicht auf diejenigen, für die sie Verantwortung tragen“. Die Folgen dieses Prozesses sind nicht zu übersehen und deutlich zu spüren: Das Miteinander in der sozialen Gemeinschaft bekam Risse, das Misstrauen gegenüber den Managern und Unternehmern stieg. Um diesen Vertrauensverlust wieder auszugleichen, müssen alle Unternehmer, die sich der Leitidee des Ehrbaren Kaufmanns verpflichtet sehen und ihm entsprechen, als Vorbilder vorangehen, um das nachhaltige Überleben der Gesellschaft zu sichern.
Das Konzept des Ehrbaren Kaufmanns hat sich aus mehreren Gründen als eine Basis für nachhaltiges Wirtschaften in der Zukunft empfohlen:
  • Trotz vieler auch gegenläufiger Entwicklungen hat sich das Konzept des Ehrbaren Kaufmanns über mehrere Jahrhunderte als Grundkonsens für einen vernünftigen Umgang der Unternehmer untereinander und in Bezug auf die Gesellschaft durchgesetzt. Das IHK-Gesetz verweist in § 1 Abs. 1 auf den Ehrbaren Kaufmann und gibt den IHKs den Auftrag, „für Wahrung von Anstand und Sitte des ehrbaren Kaufmanns zu wirken“.
  • Gerade in den Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise fand eine Rückbesinnung auf die Tugenden des Ehrbaren Kaufmanns statt. Die Revitalisierung dieses Begriffs ist zugleich auch verbunden mit einem anderen Verständnis von Wirtschaft.
  • Bedingungslose Gewinnmaximierung kann nicht die Lösung für marktwirtschaftliche Systeme in der Zukunft sein. Weitblick und das Streben nach mittel- und langfristigen Perspektiven garantiert Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit bedeutet auch, dafür Sorge zu tragen, dass die Umwelt geschützt und Wirtschaftlichkeit nach den Maßstäben ökologischer Vernunft ausgerichtet wird.
  • Gerade in Deutschland sichert das Recht jene Rahmenbedingungen, innerhalb derer Wirtschaft stattfindet. Bürokratie, Normenflut und eine häufig wirtschaftsferne Verwaltung sind oft hinderliche Nebenerscheinungen der Rechtssicherheit. Die Tugenden des Ehrbaren Kaufmanns, wie Vertragstreue, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit und vieles mehr vermeiden die Inanspruchnahme des für beide Parteien häufig ungünstigen Rechtsweg.
  • Die Unternehmer haben eine besondere Verantwortung innerhalb und für ihre Region. Hier sind sie Vorbild und unterstützen im Sinne des Ehrbaren Kaufmanns die sozialen, kulturellen und wissenschaftlichen Entwicklungen und Einrichtungen. Sie sind starker Partner der Kommunen und streiten mit den Vertretern über wirtschaftsfreundliche Rahmenbedingungen.
  • Wirtschaft ist nicht nur lokal verortet, Wirtschaft in einer globalisierten Welt bedeutet für die Unternehmer auch Weltoffenheit. Es gibt Positionen, die dem Konzept des Ehrbaren Kaufmanns nur eine regionale Bedeutung zumessen. Auf internationaler Ebene muss das Konzept der Ehrbarkeit versagen, denn die dort herrschenden Rahmenbedingungen widersprechen oft den Prinzipien des ehrbaren Handelns. Dem ist zu entgegnen, dass nicht um jeden Preis die Konkurrenz und Marktfähigkeit durchgesetzt werden muss. Eine Wirtschaft, die so stark ist wie die deutsche, kann Einfluss auf ihre Partner nehmen und langfristig und nachhaltig für die Vernunft, die Verantwortung und die Ehrbarkeit der Kaufmannschaft werben.