Brandenburgs Beste

Meister der Miniatur

Die wichtigste Säule der Brandenburger Wirtschaft sind die kleinen und mittelständischen Unternehmen. Einige von diesen Firmen überzeugen durch Innovationen und Spezialisierungen. Sie bedienen Nischen, sind inhabergeführt und arbeiten nicht börsennotiert – die so genannten Hidden Champions. In unserer Serie stellen wir Brandenburger Unternehmen vor, auf die das zutrifft.
Die Silicon Radar GmbH in Frankfurt (Oder) entwickelt Radar-Chips, die nicht größer als ein Fingernagel sind. Damit eröffnen sich ganz neue Einsatzgebiete. Radar ermöglicht die Ortung und Abstandsmessung mit Hilfe von elektromagnetischen Wellen. Klassische Anwendungen sind auf Flugplätzen oder Schiffen und natürlich bei der „Radarfalle“. Radar wird seit vielen Jahren schon in der Industrie, in Autos und inzwischen auch im Consumer-Bereich eingesetzt.

Gründer Wolfgang Winkler

Die Silicon Radar GmbH wurde 2006 gegründet, Dr. Wolfgang Winkler war damals einer der beiden Gründer. Er hatte Halbleitertechnik in Ilmenau studiert und kam 1984 nach Frankfurt (Oder), um im Institut für Halbleiterphysik als Forscher zu arbeiten. Damals unterlag der gesamte Ostblock einem Embargo und durfte keine Computer oder bestimmte Mikrochips aus dem Westen importieren. Die Staatsführung setzte alles daran, das Embargo durch die Produktion eigener Mikrochips zu durchbrechen. Das Halbleiterwerk mit seinen über 8 000 Beschäftigten war das Flaggschiff der DDR-Mikroelektronik.
„Ich wollte nicht länger als drei Jahre in Frankfurt bleiben“, erinnert sich Wolfgang Winkler. Doch dann wurde es viel länger. Auch als das Halbleiterwerk 1990 geschlossen wurde, konnte er weitermachen, denn die Forschung fand im neu gegründeten Leibnitz Institut für innovative Mikroelektronik (IHP) ihren Platz. Dort gehörte Wolfgang Winkler als Entwickler und Projektleiter einer Forschungsgruppe an, die sich mit Hochfrequenztechnik beschäftigte. So entstand die Geschäftsidee der Silicon Radar GmbH: Ein Radar, das kleiner und billiger ist als die bisherigen Anwendungen. Der eigentliche Chip ist nicht größer als ein Stecknadelkopf.
Das IHP konnte als Forschungseinrichtung nicht selbst produzieren, bot sich aber als idealer Kooperationspartner für die Gründer an. Es stellt als Dienstleistung für Industriekunden die Siliziumscheiben her und ist außerdem Partner bei Forschungsprojekten. Zudem war die Silicon Radar GmbH bei ihrer Gründung auch noch Untermieter in dem Institut. Wolfgang Winkler: „Die Leute haben mich damals für verrückt erklärt, dass ich eine gut bezahlte Stelle aufgebe, um mich selbstständig zu machen. Auch meine Frau wollte es nicht, aber es war mein Ziel, das Abenteuer 'eigene Firma' zu erleben.“ Tatsächlich war die Gründungsphase ohne Startkapital schwierig. Die letztlich positive Entwicklung verdankte die Firma der Kooperation mit dem IHP, Förderprojekten und dem Einstieg eines Investors im Jahre 2007.

Geschäftsführerin Anja Bölicke

Anja Bölicke ist Geschäftsführerin von Silicon Radar. Sie stammt aus Karl-Marx-Stadt, hat in Moskau ökonomische Kybernetik und in Marburg Wirtschaftsinformatik studiert. Sie lebt seit dem Jahr 2000 in Frankfurt (Oder) und arbeitete bei verschiedenen IT-Unternehmen in Leitungspositionen. 2010 wechselte sie zu Silicon Radar und ist dort auch für das Personalmarketing zuständig. Sie sagt: „Frankfurt hat genau die richtige Größe und Infrastruktur, um mit der Familie hier zu leben. Und in einer Stunde ist man mit dem Regio in Berlin. Unsere jungen Kollegen nutzen das Freizeitangebot dort sehr gern.“

Bei Silicon Radar sind zurzeit 39 Mitarbeiter beschäftigt, Tendenz steigend. Das Unternehmen hat seinen Sitz im städtischen Business-Innovation-Center, was den Vorteil hatte, dass die Firma über die Jahre Raum-für-Raum expandieren konnte.

Unternehmensentwicklung

Radarsensoren können andere Technologien – wie Ultraschall und Laser – ersetzen oder komplett neue Anwendungen ermöglichen. In der Industrie sind oft Radarsensoren gefragt, die für spezielle Messaufgaben entwickelt werden. Solche kundenindividuellen Lösungen, zum Beispiel für Fertigungsroboter oder für Pegelmessungen, waren die ersten Aufträge für Silicon Radar.

Mit sinkenden Kosten erobert sich die Radartechnologie auch den Massenmarkt, für den Silicon Radar eigene Produkte entwickelt. Das sind universell nutzbare Schaltkreise, die zum Beispiel bei Abstandswarnern und Assistenzsystemen für KFZ eingesetzt werden. Oder ein Fahrradrücklicht mit eingebautem Radar, das den Radfahrer warnt, wenn sich Fahrzeuge von hinten nähern. Dieser Markt wächst beständig und ermöglicht immer neue Anwendungen.

Patent für Integration

Silicon Radar hat einen wesentlichen Anteil daran, dass die Technik immer kleiner wird. Ein Schlüssel dafür war die Integration von Radarchip und Antenne in einem einzigen Bauteil. Diese Entwicklung wurde 2016 patentiert. Die Miniaturisierung und höhere Genauigkeit ermöglicht wiederum neue Einsatzbereiche, wie das Monitoring der Muskulatur von Leistungssportlern, oder von Blutdruck und Herzschlag.

Fabless Production

Die Systeme von Silicon Radar entstehen in Fabless Production. Das heißt, es gibt keine eigene Herstellung. Das Frankfurter Unternehmen entwickelt das Design für den Schaltkreis und schickt die Daten zu einem Auftragsfertiger, der sogenannten Foundry. In der Foundry werden Siliziumscheiben gefertigt, Wafer genannt. Die weltweit größten Auftragsfertiger sind in Asien ansässig. Es sind Intel (USA), Samsung (Korea) und TSMC (Taiwan). Silicon Radar liefert die Datei mit dem Schaltplan an TSMC und bekommt die Wafer zurück, die dann gesägt und – wiederum unter Einbeziehung internationaler Dienstleister – in Plastikpackages vergossen werden. Silicon Radar prüft nun die Funktion des Radars, bevor es von den Kunden in Komponenten verbaut wird, um schließlich – zum Beispiel – bei einem Fahrzeughersteller zu landen.
Mikrochips sind kein sperriges Transportgut, das die Umweltbilanz belastet, aber die Corona-Krise hat gezeigt, wie verletzlich der Markt ist. Bei den Mikrochips greifen alle Anwender auf die gleichen Rohstoffe und Produktionsstätten zurück, egal ob ein Computer, ein Fahrzeug oder ein medizinisches Gerät zu bestücken ist. In Deutschland muss die Automobilindustrie kurzarbeiten, weil die Chips aus Asien fehlen.

Kritische Infrastruktur

Anja Bölicke: „Wir haben es zu spüren bekommen, dass die Produktionsketten an verschiedenen Stellen störanfällig sind. Es ist unbegreiflich, dass die Produktion von Halbleiterschaltkreisen in Europa lange Zeit nicht als kritische Infrastruktur erkannt wurde. Zu lange wurde der Abwanderung der Industrie nach Asien zugesehen, heute hat man Vorbehalte gegen die Nutzung von Huawei-Technik im Mobilfunk, weil niemand mehr weiß, was in den Chips passiert. Die EU hat nun angekündigt, viel Geld in die Hand zu nehmen, um die Mikroelektronik-Infrastruktur neu anzusiedeln. Eine Chipfabrik kostet die Hersteller 20 Milliarden Euro.“ Allerdings werden auch Milliarden Schaltkreise jährlich benötigt.

Internationales Team

Alle Entwickler bei Silicon Radar haben studiert und mindestens einen Masterabschluss. Einige sind promoviert oder arbeiten gerade daran. Das Team ist jung und ausgesprochen international. Dr. Wojciech Andrezej Debski kommt aus Polen und hat in Krakau studiert. Er war wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Cottbus und kam 2007 frisch promoviert zu Silicon Radar als technischer Leiter. Seit Anfang 2021 ist er Geschäftsführer und CTO. Wojciech Debski hat auf der rechten Oderseite ein Haus gebaut und lebt dort mit seiner Familie – was in Frankfurt deutsch-polnische Normalität ist.
Ahmad Mushtaq ist Senior Designer für Radarsysteme. Er kommt aus Pakistan, hat in München studiert und machte 2015 seinen Master in der Frankfurter Firma. Zurzeit schreibt er seine Doktorarbeit. Mushtaq lebt heute mit Familie in Frankfurt (Oder) und fühlt sich dort sehr wohl. Ece Cinücen stammt aus der Türkei. Sie ist heute Radar System Designer und arbeitete auch schon als Studentin bei Silicon Radar. Weitere Mitarbeiter kommen aus Thailand, Bangladesch und zahlreichen europäischen Ländern. Alle sprechen Englisch.

Teil der Wissenschaftsszene

Silicon Radar engagiert sich für die Forschung. Regelmäßig erstellen Werkstudenten ihre Abschlussarbeiten im Unternehmen. Oft ist die Firma auch Partner bei Europäischen Forschungsprojekten für Universitäten und Institute aus der ganzen Bundesrepublik und aus Polen. Die TH Wildau und die BTU Cottbus sind regelmäßige Partner. „Wir werden oft angefragt, weil es in der strukturschwachen Region wenig Unternehmen gibt, die anspruchsvolle Aufgaben für die künftigen IT-Entwickler anbieten können. Uns bieten solche Projekte die Chance zu europaweitem Networking und natürlich sind dann eigene Entwicklungen leichter zu finanzieren“, sagt Anja Bölicke. Sie bedauert, dass es an der Europauniversität Viadrina keine technische Ausbildung gibt, denn die würde es leichter machen, qualifizierten Nachwuchs zu gewinnen: „Wir vermissen auch das virale Gründungsgeschehen im IT-Bereich vor Ort. Das würde fachlichen Austausch und Kooperationen sehr erleichtern.“

Internationaler Vertrieb

Das Unternehmen ist international besetzt, hat seine Produktion international organisiert und vertreibt natürlich auch weltweit. Dazu sind Repräsentanten in den USA, China, Russland und Japan aktiv. Ein wichtiges Standbein für den Vertrieb sind nationale und internationale Messen. Bei der Hannover Messe konnte die Firma bereits den Gemeinschaftsstand Berlin-Brandenburg der IHK nutzen und hat gute Erfahrungen damit gemacht. Die Beteiligung am Gemeinschaftsstand spart Kosten und erhöht gleichzeitig die Aufmerksamkeit. Außerdem nutzt der Vertrieb die jährlichen Export-Weiterbildungen von IHK und Zoll.

Ein Investor aus China

Mit Goodix ist 2020 ein neuer Gesellschafter mit 24 Prozent Anteil ins Unternehmen eingestiegen. Die Investition war nach dem deutschen Außenwirtschaftsgesetz zustimmungspflichtig. Das Bundeswirtschaftsministerium prüfte, ob bei der IT-Beteiligung Sicherheitsinteressen Deutschlands verletzt sein könnten, so dass zwischen Anfrage und der Genehmigung fast zwei Jahre vergingen. Die Kapitalerhöhung durch das chinesische Unternehmen ermöglicht Silicon Radar Investitionen in weiteres Wachstum, vor allem aber eröffnen sich neue Märkte.

Berührungsfreier Touch-Screen

Die Shenzhen Goodix Technology Co. Ltd. entwickelt und produziert Touch-Screens für Handys, Tablets und Industrieanwendungen sowie Fingerprint-Erkennung unter anderem für Samsung. Mit Radar könnte auch die berührungslose Navigation über den Touch-Screen erfolgen. Man muss nicht mehr wischen, ein Fingerzeig genügt.

Für Silicon Radar ist das nochmal eine zusätzliche Chance, auf dem ohnehin wachsenden Markt für Radaranwendungen im Consumer-Bereich. Trotz Corona konnte die Firma ihren Umsatz 2020 von 4,5 auf über fünf Millionen Euro steigern. Die Geschäftsleitung hat sich das Ziel gesetzt, in fünf Jahren zehn Millionen Euro zu erreichen. Dann werden auch noch mehr Mitarbeiter nötig sein.
FORUM/Bolko Bouché

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Jens Jankowsky
Jens Jankowsky
Referent Innovation/Energie
Fachbereich Wirtschaftspolitik