FORUM März

Über Umwege vorzeitig ans Ziel

Brandenburger Unternehmen sind vielseitig, Brandenburger Unternehmen sind innovativ. Und sie bilden aus. Ob zum Wasserbauer, Hotelfachmann oder Verkäufer – die Klassiker unter den Ausbildungsberufen sind bei Jugendlichen noch immer gefragt. Die Suche nach den Fachkräften von morgen hat in den Unternehmen Ostbrandenburgs  einen hohen Stellenwert. In Zusammenarbeit mit der Märkischen Oderzeitung stellen wir Auszubildende und ihre Unternehmen vor. Heute Eric Kanzler vom IHP – Leibniz-Institut für innovative Mikroelektronik in Frankfurt (Oder).
Sein Start ins Berufsleben sei etwas holprig gewesen. Das sieht Eric Kanzler ganz realistisch und empfindet es auch im Nachhinein noch immer als einen großen Vorteil. Nicht den geraden Weg, sondern den steinigen über Umwege gegangen zu sein, das habe ihn geprägt. Eric Kanzler hat vor seiner Ausbildung beim IHP einiges ausprobiert. In seiner Brust schlugen einst zwei beruflich thematisierte Herzen. Zum einen sah er seine Zukunft im Sozialen und zum anderen in der Informatik. Das Eine ließ sich mit dem anderen auch nur schwer kombinieren. Das Freiwillige Soziale Jahr in einer Frankfurter Kindertagesstätte sollte schließlich Klarheit bringen. Eric Kanzler habe zwar viel aus der Zeit mit den Kindern gelernt, wusste aber sehr bald, dass eine Ausbildung in einem sozialen Bereich nicht das ist, was er wolle. Was folgte, war Plan B – ein Studium der Wirtschaftsinformatik an der Berliner Technischen Universität. Hier gefielen dem jungen Mann zwar die Inhalte des Studienganges, doch diese seien viel zu theoretisch gewesen, erinnert sich Eric Kanzler.
Das Praktische fehlte
„Das Programmieren hat mir immer viel Spaß gemacht, dennoch ist das Studium viel zu theoretisch angelegt gewesen.“ Ihm habe der praktische Teil gefehlt, sagt Eric Kanzler. Und als klar wurde, dass der junge Mann das Studium nicht in der Regelstudienzeit schaffen könne, kündigte er kurzerhand das Lernverhältnis auf und holte sich Rat bei der Arbeitsagentur. Diese führte ihn bewerbungstechnisch über Köln und Berlin gefühlt durch ganz Deutschland und schließlich wieder zurück in seine Heimatstadt Frankfurt (Oder).
Kaufleute und Mechatroniker
Beim IHP hat Eric Kanzler dann gefunden, wonach er gesucht hat. 2017 begann der Abiturient seine Ausbildung beim IHP zum Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung. Das Leibniz-Institut für innovative Mikroelektronik beschäftigt derzeit elf Auszubildende in sechs Ausbildungsberufen. Dazu gehören neben dem Ausbildungsberuf  von Eric Kanzler auch der Fachinformatiker für Systemintegration, Kaufleute für Büromanagement, Fachleute für Medien- und Informationsdienste, der Mechatroniker und der Mikrotechnologe. Ein dualer Student von der Uni Magdeburg und ab September 2020 einer von der TH Wildau komplettieren die Ausbildungsriege. „Wir suchen vor allem duale Studenten mit der Fächerkombination Mechatroniker und Maschinenbau“, berichtet Personalleiterin Elise Funke. Das Institut an der Oder pflegt schon seit längerem Verbindungen mit der TH Wildau. „Die Hochschule verfügt über einen großen Erfahrungsschatz bei dualen Studiengängen“, weiß Elise Funke.
Studieren oder nicht studieren?
Ob Eric Kanzler, jetzt nach abgeschlossener Ausbildung, ein Studium hinten dran hängen möchte, weiß er noch nicht genau. Das Zeug dazu hätte er, weiß die Personalchefin. Schließlich habe Herr Kanzler seine Ausbildung aufgrund von sehr guten Leistungen ein halbes Jahr vorher beenden können“, berichtet sie. Ein Notendurchschnitt von 1,1 im Schulischen qualifizierte ihn dafür.
Das IHP verfügt über verschiedene Modelle, Mitarbeiter weiterzubilden und zu fördern. Ob Eric Kanzler noch einmal die Schulbank drücken wolle, wisse er noch nicht. Für zwei Jahre habe ihn das IHP erst einmal übernommen. Was danach kommt, müsse man erst sehen, sagt der Informatiker, der sich in seinem Team sehr wohl fühlt.
Seine Aufgaben bekommt Eric Kanzler von seinem Gruppenleiter. Bereits während der Ausbildung durfte er Projekte eigenständig betreuen. Das sei es auch gewesen, was ihm von Anfang an beim IHP gefallen habe, dass man selbstständig und doch im Team arbeite und dass einem Vertrauen entgegengebracht werde, sagt der einstige Azubi. Sein aktuelles Projekt beinhaltet die Erstellung eines Tools für das Projektkalkulationsmanagement und soll den Kollegen vom Controlling die Arbeit erleichtern. Was vorher aufwändig in Excel-Tabellen eingegeben werden musste, soll Projektanmeldern die Kalkulation künftig erleichtern.
Zensuren allein sind nicht entscheidend
Auch an der Software für den Auswahltest, den jeder IHP-Azubi-Bewerber absolvieren muss, haben die IT-Azubis des IHP mitgearbeitet. Je nach Ausbildungsberuf, je nach Abteilung gibt es jetzt einen separaten Einstellungstest. Natürlich am Computer.
Doch der allein ist nicht maßgeblich, ob ein junger Mensch seine berufliche Laufbahn beim IHP beginnen kann. „Wir sprechen mit unseren Bewerbern. Zensuren allein entscheiden nicht über Wohl und Weh“, weiß Personalleiterin Elise Funke. Ob jemand zum Institut passe, sei wichtig. Derzeit hoffe man vor allem auf Bewerbungen von Frauen. „Vielfalt ist eine Stärke des IHP“, erzählt Elise Funke. Etwa 350 Mitarbeiter aus 30 Ländern forschen und arbeiten im IHP. Die Personalleiterin wünscht sich vor allem in den technischen Berufen Bewerbungen von Mädchen. Das Institut will auch künftig auf die kreativen Potenziale von Frauen und Männern gleichermaßen bauen, um die Innovationsstärke zu erhalten und auszubauen. Das IHP versucht in den kommenden Jahren durch verschiedene Aktionen den Anteil von Frauen weiter zu steigern. Schülerinnen und Studentinnen haben während vieler Veranstaltungen z.B. am Zukunftstag, auf dem Mädchen-Technik-Kongress und der Sommerschule Mikroelektronik die Möglichkeit, mehr von unseren Wissenschaftlerinnen über ihre Forschung und den Arbeitsalltag zu erfahren.
Vertrauensvoller Ansprechpartner für Azubis
„Eine gewisse Affinität für das Fach Mathematik ist von Vorteil“, weiß Eric Kanzler. Er wolle künftige Bewerber jedoch nicht abschrecken. Der 10. Klasse-Abschluss reicht für eine Ausbildung aus. Man wächst mit der Ausbildung, sagt er. Die Ausbildung habe ihn selbstständiger gemacht. Selbstkritik und Selbstreflektion gehören zur Tagesordnung. „Seine soziale Ader ist schon seine persönliche Note. Er ist vertrauensvoller Ansprechpartner  für die Auszubildenden im Institut“, berichtet Elise Funke. Und dann haben Soziales und Informatik doch wieder etwas miteinander zu tun.
Kathrin Busch