FORUM April

„Nach uns der Humus!“ 

Florian Augustin will das Geschäft mit dem Geschäft revolutionieren. Der Gründer der Finizio GmbH entwickelt und produziert Trockentoiletten in Eberswalde, die privat ebenso genutzt werden können wie bei Großveranstaltungen. Das Besondere ist aber die deutschlandweit einzigartige Pilotanlage zur Verwertung von Kot und Urin. Daraus entsteht ein nachhaltiger Dünger. 
2012 hat Florian Augustin erste Versuche mit einer selbstgebauten Trockentoilette im heimischen Kleingarten unternommen. Seitdem ist viel passiert. Der Forstwirt interessiert sich bereits während seines Studiums an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde mehr für den Nähstoff- als für den Holzkreislauf. „Ich habe viel über Böden gelernt. Das ist für unseren Erfolg mit Finizio sehr wichtig. Mit menschlichen Ausscheidungen und Ressourcenmanagement habe ich mich viel nebenher beschäftigt“, erzählt er. Ein Buch über nachhaltiges Sänitärmanagement habe den entscheidenden Funken gezündet.  
Eberswalde als Blaupause  
„Mir ist wichtig, dass wir einen funktionierenden Inkubator-Standort als Blaupause haben, bevor wir weitere Standorte in Angriff nehmen“, erklärt Augustin. Deshalb gründete er 2019 die Finizio GmbH in Eberswalde. Das Unternehmen stellt wasserlose Sanitärsysteme und Verwertungsanlagen her.  Die gewonnen Ausscheidungen werden zu Dünger verarbeitet. „Unserem Humusdünger aus Inhalten von Trockentoiletten, kurz H.I.T. fehlt es bislang an einer düngerechtlichen Zulassung. Langfristig wollen wir eine Änderung der Düngemittelverordnung erwirken. Nur so können Start-ups wie Finizio langfristig auch wirtschaftlich erfolgreich sein.” 
Nicht nur das Endprodukt der Finizio GmbH soll nachhaltig sein. Auch bei anderen Prozessen im Unternehmen, wie Lieferwegen, wird auf die Umweltbilanz geschaut. „Für unsere Trockentoiletten, die wir für Großveranstaltungen vermieten, haben wir ein Faltsystem ausgetüftelt. Auf nur acht Quadratmetern Ladefläche können wir so anstatt sechs herkömmlicher Mobiltoiletten bis zu 40 Kabinen transportieren“, bestätigt Florian Augustin. „Das spart eine Menge Kraftstoff.“ Die Vermietung der Festivaltoiletten machte 2019 gut 80 Prozent des Gesamtumsatzes aus. Dieser fehlt zurzeit. Die Corona-Pandemie brachte die Festivalsaison 2020 zum Erliegen. „Das hat uns einen ordentlichen Stock zwischen die Beine geworfen. Finanziell war 2020 ein Katastrophen-Jahr.“ 
Nährstoffkreislauf schließen 
Ziel des jungen Unternehmers ist es zudem den menschlichen Nährstoffkreislauf zu schließen. „Beim Anbau von Lebensmitteln werden dem Boden Nährstoffe entzogen. Jeder Mensch scheidet diese Nährstoffe in Form von Urin und Kot wieder aus. Was den Acker verlässt, muss auch dahin zurück. Doch anstelle unserer Hinterlassenschaften, kommen heute vornehmlich künstliche Düngemittel wie Stickstoff, Phosphor oder Kalium zum Einsatz. Deren Herstellung verbraucht Ressourcen und Energie, emittiert Treibhausgase und belastet die Umwelt.“ Finizio will diese Synthetik-Dünger langfristig durch qualitätsgesicherte „Humusdünger aus Inhalten aus Trockentoiletten“ ersetzen. Auch Kohlenstoff (CO2), der durch Lebensmittelpflanzen aus der Atmosphäre aufgenommen wird, findet sich nach der Nahrungsaufnahme im menschlichen Kot und somit im Humusdünger wieder. Dieser verlagert CO2 aus der Atmosphäre in den Acker und stellt so eine seltene Möglichkeit zu pro-aktivem Klimaschutz dar“, erläutert der 29-Jährige. Fachleute sprechen von einer CO2-negativen Technologie. Gleichzeitig sorgt dieses gespeicherte CO2 im Boden für einen höheren „Humusgehalt“. „Mehr Humus im Boden bedeutet mehr Fruchtbarkeit, höhere Wasser- und Nährstoffspeicherfähigkeit – steigert also auch die Widerstandsfähigkeit unserer Böden gegenüber Extremwetterereignissen.“ Im Vergleich zu herkömmlichen mineralischen und tierischen Düngemitteln, entstehen dabei geringstmögliche Nährstoffverluste durch Versickerung, Ausgasung und Erosion.  
Und wie verhält es sich mit der Wasserbilanz der Trockentoiletten? Die Wissenschaftlerin Ariane Krause vom Leibniz Institut für Gemüse und Zierpflanzenbau in Großbeeren habe berechnet, dass  angenommen ganz Berlin steige auf Trockentoiletten um, sich ein jährliches Wassereinsparungspotenzial der dreifachen Menge des Wannsees ergäbe. „Der geringere Wasserverbrauch ist allerdings nur die Spitze des Eisbergs und ein positiver Nebeneffekt“, erklärt Florian Augustin. „Was wir wollen ist eine produktive Kreislaufwirtschaft. Weg von einem linearen Umgang mit Synthetik-Düngern, bei dem Nährstoffe energieintensiv hergestellt und dann wieder aus dem Abwasser entfernt werden.”  
Trotzdem erste Erfolge 2020 
2020 brachte für den Gründer und sein Team erste Erfolge. „Von 2019 bis 2020 konnten wir aus den Hinterlassenschaften knapp 100 Kubikmeter Humusdünger herstellen. Und im Oktober 2020 konnten wir diesen zum ersten Mal für Forschungszwecke auf einer Ackerfläche ausbringen. Das ist ein erster Meilenstein“, freut sich Augustin. Zusammen mit der Schorfheider Agrar GmbH wurde der Pilotfeldversuch gestartet. Gesät wurde Winterroggen – jetzt im Frühjahr 2021 wird sich zeigen, wie viel der natürliche Dünger kann.  
Das Team um den 29-Jährigen möchte nicht nur nachhaltige Toiletten herstellen, sondern die gewonnenen Ausscheidungen auch professionell in hygienische Humusdünger umwandeln. „Das ist unser eigentlicher Business Case“, erklärt Augustin. „Für unseren Humusdünger brauchen wir überhaupt noch eine düngerechtliche Zulassung. Hierfür ist viel Öffentlichkeitsarbeit nötig, weil es einen politischen und gesellschaftlichen Wandel braucht.“ Um diesen herbeizuführen gründete Augustin einen Verband und investiert viel Zeit in die Forschung. „Die große Angst ist, dass Krankheitserreger oder Medikamentenrückstände über den Dünger in die Nahrungskette gelangen. Unser mehrstufiges Aufbereitungsverfahren sorgt dafür, dass diese Risikostoffe effektiv aus dem Verkehr gezogen werden und die Schließung des Wertstoffkreislaufs schadlos für Mensch und Umwelt stattfinden kann. Hierbei werden wir hervorragend von engagierten Wissenschaftlerinnen unterstützt. Die Ergebnisse sind enorm wichtig, um die nächsten politischen Hürden zu nehmen und eine rechtliche Reglementierung dieses zukunftsweisenden Stoffstroms zu erarbeiten.“ 
Der nächste Schritt ist ein mehrjähriges Forschungsprojekt mit den Kreiswerken Barnim und wissenschaftlichen Instituten, um zu zeigen, dass der Nähstoffkreislauf sicher und skalierbar geschlossen werden kann. Über das Pilotprojekt und die Fortschritte auf politischer Ebene bloggt die Finizio-Crew auf der Firmenwebsite und in den sozialen Netzwerken. Bis die Düngemittelverordnung zugunsten des Humusdüngers geändert wird, können noch drei bis zehn Jahre verstreichen. „Wir gehen viele kleine Schritte, die nach und nach immer größer werden. Auf politischer Seite gewinnen wir – auch durch die Forschung – immer mehr an Boden.“