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E-Mobilität setzt Endorphine frei

Um 2004 fanden sich in Berlin Hausbesetzer, Fahrradfans und begeisterte Schrauber zusammen, um ihre ungewöhnlichen Träume zu auszuleben. Aus dieser Zeit stammt die Idee vom eROCKIT, einem Motorrad mit Pedalen, angetrieben von einem Elektromotor. 2013 und 2014 produzierten sie in einer Werkstatt in Marzahn einige Prototypen, durchsetzen konnte sich die Idee aber nicht, die Firma musste Insolvenz anmelden. 
„eROCKIT entsprach dem Wunsch radikaler Fahrradfahrer, die Autos abzuhängen“, erzählt Geschäftsführer Andy Zurwehme. Er hat nach der Insolvenz den Markennamen, und alles was dazugehörte, gekauft. Denn er war begeistert von der Idee und er blickt mit Respekt auf die Gründer der 1. Generation: „Das sind Leute, die sich etwas getraut haben. Elektrofahrräder, Elektroroller, Elektromotorräder gibt es schon, da ist höchstens noch Innovation möglich. Beim eROCKIT aber spricht Andy Zurwehme von einer Disruption, weil es bisherige Entwicklungslinien zerstört und sich als völlig neues Fahrzeugkonzept auf den Markt drängt. Ein Umbruch, ähnlich wie beim iPhone, bei dem Steve Jobs das Tippen durch ein Wischen ersetzte. 
Das eROCKIT ist ein leichtes Elektromotorrad mit einer intuitiven Pedalsteuerung. Anders als beim E-Bike wird die Muskelkraft jedoch nicht direkt für den Antrieb genutzt. Mit jedem Tritt bekommt der Elektromotor einen Impuls. Die Muskelkraft wird um ein 50faches multipliziert. Die Wirkung ist so unmittelbar, dass man sich fühlt wie Superman auf dem Fahrrad. Mit 16 kW Spitzenleistung hat das Leichtmotorrad beim Start an der Kreuzung die Nase vorn, schwimmt flüssig im Verkehr mit und schafft es sogar auf die Autobahn.

Käufer Nr. 009

„Autofahrer überholen mich, lassen ihre Beifahrer Fotos machen. Motorradfahrer grüßen. Wenn sie mich treten sehen, ziehen sie aber die Hand schnell wieder ein“, berichtet Marc Oelker. Der Geschäftsführer der SIK-Holzgestaltung in Niedergörsdorf nutzt seit einigen Monaten ein eROCKIT für den Weg zur Arbeit. 70 Kilometer ist seine Strecke, und er kommt mit einem Lächeln an. Marc Oelker fährt das eROCKIT-Nr. 009 von 100 Exemplaren der Nullserie. Er ist Testfahrer honoris causa, fühlt sich als Teil der Firma und will mit seinen kritischen Berichten helfen, das Motorrad noch besser zu machen. Was ihn ärgert, sind Kommentare auf Facebook, dass eROCKIT etwas für „reiche Schnösel“ wäre. Er sagt: Ich bin kein reicher Schnösel, sondern begeistert von Elektromobilität und dem Konzept.“

Andy Zurwehme

Geschäftsführer Andy Zurwehme stammt aus Westfalen, wohnt aber schon seit Jahren in Berlin. Der gelernte Industriekaufmann hat ein Maschinenbauunternehmen mit aufgebaut und im kalifonischen Palo Alto Datenbanken programmiert, noch bevor es Internet gab. Außerdem ist er ein bekennender Geschwindigkeitsjunkie mit dem Auto, Motorrad oder Jetski. Sein Motto lautet: „Wo ich bin ist vorn“ gilt auch für das eROCKIT. „Es ist, wendig und agil und verbraucht wenig Verkehrsfläche. Letzteres ist wichtig in der City.“ 

E-Mobilität wird Trend 

Andy Zurwehme hat das Potenzial des neuen Antriebskonzepts frühzeitig erkannt, aber auch Geduld gehabt und in Ruhe den Neustart vorbereitet. Er erklärt: „2014 gab es noch keinen Käufermarkt für ein Elektromotorrad und die alte Industrie tat alles, um Elektromobilität zu verhindern. Jetzt ist die Zeit reif dafür, viele Menschen interessieren sich und dank Tesla wissen sie inzwischen, dass Elektromobilität auch Emotion ist. Ein eROCKIT setzt Endorphine frei.“ Es verbindet Spaß mit Klimafreundlichkeit und Gebrauchswert mit Fitness. 

Die Gründer 

Gemeinsam mit der Betriebswirtschaftlerin Monika Haupt und dem Marketing-Experten Sebastian Bruch gründete Zurwehme bereits Ende 2014 eROCKIT Systems, plante, präsentierte bei Industriepartnern und formierte ein internationales Team. Im Mai 2018 bezog man die modernen Produktionshallen im Hennigsdorfer Gewerbehof Nord. Die ersten drei Gesellschafter brachten etwa eine Million Euro Eigenkapital ein, damit war das Unternehmen kreditwürdig und bekam auch eine Förderung von der ILB. Außerdem konnte es in einer Crowdinvesting-Kampagne  bereits über 400.000 Euro einnehmen. Das Funding läuft weiter, denn es ist nicht nur eine Finanzierungsquelle, sondern auch ein wichtiger Testmarkt: Etwa 1000 Anleger haben bisher Interesse gezeigt... „Das zeigt mir, dass die Gesellschaft mit der Energiewende viel weiter ist, als die Industrie“, sagt Zurwehme. Der Geschäftsführer hat zwei Typen von Kapitalgebern ausgemacht: „Wer zwischen 100 und 500 Euro anlegt, macht es aus Begeisterung für die Idee. Wer zwischen 5000 und 10.000 Euro investiert, schaut auch auf die Rendite.“ Das Investment wird mit hohen Prozenten fest verzinst. 

Der Wert der „Early Adopter“ 

Wer Geld anlegt, der ist auch potenzieller Kunde für eROCKIT. Es sind Early Adopter – die frühzeitigen Anwender – wie Marc Oelker. Andy Zurwehme beschreibt sie als „hoch innovativ, loyal zum Unternehmen und mutig.“ Early Adopter sind ihm wichtig: „Durch sie erfahren wir, was die Kunden wollen. Es gibt nur einen, der uns alle feuern kann. Das ist der Kunde.“ Käufer wie Marc Oelker sind es auch, die beim Ausräumen von Kinderkrankheiten helfen. Denn eine Testphase mit hunderttausenden Kilometern, wie sie bei großen Hersteller Usus ist, gibt es eROCKIT nicht. 

Fußballer mit Benzin im Blut 

eROCKIT hat mit dem Youtuber und Moderator Aaron Troschke sowie Union-Fußballer Max Kruse 2020 weitere Gesellschafter gefunden, die überdies neue Zielgruppen erreichen. Max Kruse ist Automobilfan, fährt Lamborghini hat einen eigenen Motorsport-Rennstall. Er sagt: „eROCKIT vereint Technik, Design, Geschwindigkeit, Fahrspaß und saubere Mobilität. Für mich ist es mehr als das schönste Männerspielzeug der Welt." Um selbst eROCKIT fahren zu dürfen hat Kruse extra eine Schulung absolviert. Dabei nutzte er eine Neufassung der Führerscheinordnung. Seit 2020 können Leichtmotorräder mit dem Autoführerschein gefahren werden, wenn der Fahrzeugführer für neun Doppelstunden einen Kurs besucht hat. Eine Prüfung ist nicht notwendig.  
Die Beteiligung von Max Kruse an der Firma hat aber nicht nur mit Begeisterung zu tun, sondern war gründlich überlegt. „Er hat alles geprüft und war ein messerscharfer Fragesteller“, berichtet Andy Zurwehme.  

Prüfung ohne Welpenschutz 

eROCKIT ist als Industriebetrieb gegründet – nicht als Manufaktur, denn die wäre nicht lebensfähig. Auch das erklärt die lange Vorbereitungsphase. 2018 ging eROCKIT an die Öffentlichkeit. „Ich wollte nicht nur Prototypen zeigen, sondern ein zugelassenes Produkt auf die Straße stellen.“ erklärt Zurwehme. Die DEKRA und das Kraftfahrzeugbundesamt haben dem Leichtkraftrad nach aufwändiger Prüfung die Zulassung erteilt. „Die Prüfungen in Deutschland sind Fluch und Segen. Fluch, weil jede Vorstellung teuer ist, und Segen, weil das Prüfsiegel für Made in Germany und Qualität steht. Wir wurden geprüft wie BMW, da gab es keinen Welpenschutz“, berichtet Andy Zurwehme. Im September 2019 wurde die Zulassung erteilt, Ende 2020 kamen die ersten eROCKITs auf den Markt.  

Corona verzögert Pläne 

Es war eine schwierige Phase. Von der geplanten Werbekampagne brachen die Präsentationstermine auf Motorsportveranstaltungen weg. Außerdem waren die Lieferketten unterbrochen. Die Einzelteile werden weltweit eingekauft, von der Schweiz über Großbritannien bis Asien. Wenn schon VW und BMW die Elektronikteile fehlen, hat ein Newcomer erst recht Probleme. Markus Leder, seit 1. Mai 2021 Chief Operating Officer bei eROCKIT, verantwortlich für Produktion- und Qualitätssicherung, setzt auf Zweit- und Drittlieferanten, wenn möglich aus Europa. So konnte das Bike auch in der Produktionsanlaufphase ausgeliefert werden.  

Produktionschef Markus Leder 

Markus Leder entspricht der Philosophie des Gründers, sich mit den jeweils Besten ihres Fachs zu umgeben. Zurwehme holte sich mit dem Ingenieur die Erfahrung ins Haus, wie industrieller Fahrzeugbau zu organisieren ist, denn: „Beim Übergang zur Industrie hört der Spaß auf.“ Leder hat Maschinenwesen studiert und war in unterschiedlichen Leitungspositionen im Automobilbereich tätig, arbeitete für einen chinesischen Hersteller von Elektroautos und zuletzt als Entwicklungsleiter der renommierten Designschmiede Pininfarina. Mit seinem Team von 200 Mitarbeitern war er für Kundenprojekte unter anderem für BMW, Porsche und Daimler verantwortlich.  
In dem Einstieg als Entwicklungsleiter und Gesellschafter bei eROCKIT sieht der 56-Jährige die Chance, eigene Ideen schnell und erfolgreich umzusetzen. Diesen Gestaltungsspielraum hatte er bisher nicht und die Corona-Krise hat ihm nochmals gezeigt, wie sehr die Automobil-Dienstleister von den Konzernen abhängig sind. 
eROCKIT sei die Möglichkeit, bei einer revolutionären Idee von Anfang an dabei zu sein. „Der Elektroantrieb ist heute auf dem Stand, auf dem der Verbrennungsmotor vor 60 Jahren war“, sagt Leder. Er geht davon aus, dass sich die Wirtschaftlichkeit von Elektrofahrzeugen ähnlich entwickeln wird wie bei den Verbrennern – allerdings nicht in 60 Jahren, sondern sehr viel schneller. Neue Batterietechnik soll schon bald die technischen Daten des eROCKIT entscheidend verbessern. Die bisherigen Leistungsdaten sind bereits beachtlich:: 90 km/h Höchstgeschwindigkeit, 120 kg Fahrzeuggewicht, davon 28 kg Batterie mit 6,6 kWh Kapazität, 120 km Reichweite. 

Begeisterungsfähige Mitarbeiter 

Das Unternehmen ist trotz Corona seit 2018 von drei auf 17 Mitarbeiter gewachsen. Personalsorgen gibt es nicht. „Bei uns sind alles Fachleute, die Bock darauf haben und stolz sind, wenn sie am Stammtisch erzählen können, wo sie arbeiten“, berichtet Andy Zurwehme. Auch junge Leute klopfen an und wollen einen Ausbildungsplatz. Doch eROCKIT ist „leider“ noch nicht so weit, die Ausbildung abzusichern. Zurwehme: „Es zeigt aber, dass unser Bike auch junge Leute elektrisiert. Das ist ein gutes Zeichen.“  

Know-how und Design 

Das eROCKIT wurde für sein außergewöhnliches Design- und Fahrzeugkonzept mehrfach ausgezeichnet. Ein Großteil des Know-hows liegt, wie im Firmennamen verborgen, in der IT, sprich in besonderen Elektronikkomponenten und Firmware. Heutzutage kommt es weniger auf Patentschutz an. Vielmehr setzt Andy Zurwehme darauf, mit Innovation der Konkurrenz immer ein paar Jahre voraus zu sein: „Während ich mich auf den Schutz des Vorhandenen konzentriere, kann ich nicht an morgen denken.“ So wie Elon Musk bei Tesla kann er sich vorstellen, die Entwicklung frei zugänglich machen. Zurwehme sagt: „Wenn sich 100 Unternehmen und Universitäten mit dem Thema beschäftigen, bringt das die Elektromobilität am besten voran.“  
Der Unternehmensgründer will als nächstes die Jahreskapazität auf 1000 eROCKITs erhöhen. In fünf Jahren werden es 10.000 sein – was gemessen mit 160.000 Motorrädern von BMW noch immer wenig ist. Aber es soll auch nicht dabei bleiben. Die Pedalsteuerungs-Technologie lässt sich in unterschiedlichsten Fahrzeugen nutzen. In Zweisitzern, Lastenrädern und – was Geschwindigkeitsjunkie Zurwehme besonders cool findet – in Jetskis. Dabei ist er offen für Partnerschaften mit den jeweiligen Spezialisten. 

Zukunft als Aktiengesellschaft 

Andy Zurwehme sieht die eROCKIT Systems GmbH in spätestens fünf Jahren als börsennotierte AG: „Wir sind visionär. Innovationen, die unsere Welt nachhaltig verbessern und verändern, sollten Gemeinschaftsprojekte werden. Jeder kann hier zum Investor der Zukunft werden.“ Produziert wird dann weltweit an mehreren Orten. Unternehmensführung, Forschung und Entwicklung und damit der Kern der Wertschöpfung sollen in Brandenburg bleiben. „Wir haben am Standort die besten Voraussetzungen dafür.“ 
FORUM/Bolko Bouché