FORUM März

Zwischen Generationen vermitteln

Unternehmensberaterin spricht über Bedürfnisse junger Fachkräfte

Elisa Rehse unterstützt Unternehmer im ländlichen Raum bei der Personalgewinnung in ihrem Unternehmen. Mit ihren 28 Jahren kennt sie die Bedürfnisse junger Arbeitnehmer genau. In FORUM berichtet sie, was Arbeitgeber tun können, damit sie diese Fachkräfte für ihr Unternehmen gewinnen und vor allem dauerhaft halten. Außerdem spricht sie über die neuen Herausforderungen von Führungskräften durch die sich rasant wandelnde Arbeitswelt. 
FORUM: Wieso haben Sie sich mit Mitte zwanzig auf Personalgewinnung im ländlichen Raum spezialisiert?
ELISA REHSE: Ich bezeichne mich gerne selbst als Landei (lacht). Ich lebe hier gerne und schätze die Natur. Der Stress, die vielen Menschen und der Verkehr der Großstadt sind nichts für mich. Ich möchte hierbleiben und die regionale Wirtschaft unterstützen. Gerade im ländlichen Raum wandern die jungen Menschen vielfach in Großstädte ab, die wenigsten kommen zurück. Damit sie zurückkommen oder bestenfalls gleich hierbleiben, brauchen wir eine starke Wirtschaft und attraktive Arbeitgeber. Das ist mein Anliegen: Unternehmen zu helfen, attraktive Arbeitsplätze für jüngere Arbeitnehmer zu schaffen. Dabei sehe ich mich als Vermittlerin zwischen den Generationen. Viele ältere Arbeitgeber wissen wenig von den Wünschen und Bedürfnissen der jüngeren Generationen.
FORUM: Was macht einen Arbeitsplatz für junge Arbeitnehmer attraktiv?
ELISA REHSE: Vielen jungen Arbeitnehmern ist flexibles Arbeiten wichtig, das heißt, zeitlich flexibel zu sein, aber auch örtlich, zum Beispiel von Zuhause aus. Teilzeit-Modelle werden ebenfalls beliebter. Meine Generation möchte vielfach zwei Jobs haben dürfen oder nebenbei selbstständig sein können. Es besteht vermehrt der Wunsch, sich selbst zu verwirklichen und neben dem Job weitere Dinge umzusetzen. Da sehe ich, dass viele Arbeitgeber noch auf ihre 40 Stunden-Woche pochen und wenig zugänglich für andere Arbeitszeitmodelle sind. Außerdem beobachte ich, dass jüngere Arbeitnehmer schneller Karriere machen möchten. Sie möchten sich weiterentwickeln, aufsteigen und wünschen sich dabei mehr Unterstützung sowie Förderung vom Arbeitgeber. Sehen sie keine Chance dazu, neigen sie eher dazu, den Arbeitgeber zu wechseln. Dabei spielt Zusammenarbeit auf Augenhöhe eine große Rolle. Jüngere Arbeitnehmer wünschen sich, dass sie sich mit dem Chef auf einer Ebene begegnen. Sie sehen sich nicht mehr in einer Bittstellung, auch nicht im Bewerbungsprozess. 
FORUM: Warum gehen Unternehmer auf die genannten Ansprüche noch nicht ein?
ELISA REHSE:
Diese Frage stelle ich mir zum Teil auch. Bei manchen Unternehmern merke ich, dass es an eingefahrenen Strukturen liegt. Sie sagen sich ‚Das haben wir schon immer so gemacht‘. Veränderungen sind immer auch anstrengend. Wege suchen, wie ich als Chef flexibler sein kann und auf Mitarbeiter zuzugehen, das ist anstrengend. Damit müssen sich Arbeitgeber beschäftigen und Zeit investieren. Dazu sind einige nicht bereit oder haben im Tagesgeschäft nicht die Zeit. Das mag in Bezug auf langjährige Mitarbeiter auch kein Problem darstellen. Junge Arbeitnehmer gewinnen sie mit so einer Einstellung aber nicht mehr. Wie soll ich es nennen? Schwerfälligkeit?!?! Es herrscht die Einstellung vor ‘der Kunde ist König’. Das ist schon richtig. Ich zitiere dann gerne den britischen Unternehmer Richard Branson: ‚Kümmern Sie sich um Ihre Mitarbeiter, denn die kümmern sich um Ihre Kunden‘. Ist der Mitarbeiter glücklich und zufrieden an seinem Arbeitsplatz, gibt er es an die Kunden weiter. Deshalb ist mein Ansatz: Mitarbeiter wie Kunden behandeln. Dazu gehört auch, sich öfter als einmal im Jahr zum Mitarbeitergespräch hinzusetzen und zu besprechen, was die Ziele des Mitarbeiters sind, wo er unterstützt werden kann. Ja, auch das kostet Zeit. Aber aus meiner Sicht ist das Führungsaufgabe, sich dafür Zeit zu nehmen.
FORUM: Wo sehen Sie die Herausforderungen für die Entwicklung im ländlichen Raum?
ELISA REHSE:
In jedem Fall braucht es den Breitbandausbau (lacht). Ich wohne in Eberswalde, hier gibt es gutes Internet. Ich würde aber gerne aufs Dorf ziehen, doch dort gibt es einfach keine gute Internetleitung, die ich für meine Arbeit benötige. Jetzt, wo digitales Arbeiten immer wichtiger wird, hat der ländliche Raum eine Chance, wenn entsprechende Strukturen geschaffen werden. Dann können Menschen herziehen, die die Ruhe und Natur möchten. Gleichzeitig können sie trotzdem in der ganzen Welt arbeiten. Längere Wege werden weniger wichtig, weil man eben vermehrt ortsunabhängig arbeiten kann. 
Es müssen außerdem Arbeitsplätze gehalten und neue geschaffen werden. Wie erläutert, sollten diese attraktiv sein, damit jüngere Arbeitnehmer sich darauf bewerben. Unternehmen müssen fortbestehen. Es ist alles sehr eng miteinander verwoben.
FORUM: Sie haben das Fortbestehen von Betrieben, also das wichtige Thema Unternehmensnachfolge genannt. Was sollten Unternehmer beachten, damit ihr Unternehmen erfolgreich fortgeführt wird?
ELISA REHSE:
Wir brauchen junge Menschen, damit die Unternehmen in der Region fortbestehen. Unternehmer müssen sich frühzeitig kümmern und sollten auch Verantwortung schon frühzeitig abgeben. Sie sollten den Nachwuchs heranziehen und in die Unternehmensführung integrieren. Ich sagte es bereits, meine Generation will die Verantwortung übernehmen, sich weiterentwickeln. Das müssen Unternehmer zulassen. Ein Unternehmen sollte so geführt werden, dass der Geschäftsführer auch ein paar Wochen und Monate ausfallen kann und es trotzdem gut weiterläuft. In der Vergangenheit war es vielfach so, dass der Chef diktiert hat und die Mitarbeiter umgesetzt haben. Das wandelt sich. Mitarbeiter möchten über ihren Arbeitsbereich entscheiden dürfen. Das zuzulassen, ist nicht für jeden Unternehmer so einfach, aber hilfreich, um eine Nachfolge vorzubereiten.
Wir haben sehr überalterte Unternehmen, mit einem hohen Durchschnittsalter der Belegschaft. Das ist nicht für jeden Jungen attraktiv. Deshalb sollte auch auf eine gute Mischung von erfahrenen und jungen Angestellten geachtet werden.  Die Generationen profitieren außerdem voneinander, durch ihre unterschiedlichen Herangehensweisen an Herausforderungen.
FORUM: Welche Auswirkungen hat die Pandemie auf die Personalgewinnung und -entwicklung?
ELISA REHSE:
Zum einen sind durch die Pandemie Menschen arbeitslos geworden. Man könnte also sagen, es ist leichter, Mitarbeiter zu gewinnen. In einigen Bereichen ist es sicher so. Andererseits tendieren diejenigen, die gerade in fester Arbeit sind, aufgrund des Sicherheitsbedürfnis weniger dazu, den Job zu wechseln. Betrachtet man die Personalentwicklung, kommt es jetzt mehr auf zwischenmenschliche Aspekte an, auf Softskills. Das heißt, das Miteinander wird wichtiger. Viele sind von Unsicherheit und Stress geplagt. Es muss daher mehr Empathie an den Tag gelegt werden, sich unterstützt werden und das nicht mehr nur allein im fachlichen Bereich, auch im Persönlichen. Da sind auch wieder die Führungskräfte gefragt, darauf einzugehen. Gefordert sind sie auch in Bezug auf das Führen auf Distanz. Ich habe erlebt, dass viele einfach den Kontakt zu ihren Mitarbeitern verloren haben. Auch wenn man nicht im gleichen Haus sitzt, kann man durchaus regelmäßig miteinander sprechen. Das sollte nicht zu kurz kommen.
Es fragte Katharina Wieske.