Wir UNTERNEHMEN hier - innovativ

Kleine Wäscherei ganz groß

Wirtschaftsunternehmen zeichnen sich dadurch aus, dass sie Entwicklungen vorantreiben. Dazu müssen die Firmen auf der Höhe der Zeit sein oder dieser sogar voraus. Zu entwickeln heißt, innovativ zu sein in Produktionsprozessen, Materialverwendung oder Technikeinsatz. In Zusammenarbeit mit der Märkischen Oderzeitung stellen wir einige innovative Unternehmen aus der Region vor.
Hier und da gibt es sie noch. Die kleinen Wäschereien für den Privatkunden. Mitten in einem Wohngebiet von Berlin-Weißensee befindet sich eine von drei kleinen Wäschereien der Firma „Waretex GmbH Textilreinlichkeit aus einer Hand“. Hier wird die Wäsche noch von Hand sortiert, in die Waschmaschinen gelegt, in Trocknern, nur unwesentlich größer als die  in den meisten Privathaushalten, getrocknet und anschließend mit der Heißmangel geglättet oder gar händisch gebügelt. Lothar Kühne bringt auch wöchentlich seine Hemden und die größere Haushaltswäsche in die Wäscherei in der Gürtelstraße. Heute hat er Bettwäsche dabei. Lothar Kühne ist Leiter für Forschung und Entwicklung und Prokurist bei der Waretex GmbH.
Neben den 14 Waretex-Annahmestellen für Haushaltswäsche im Osten Berlins betreibt das Unternehmen, das 1993 gegründet wurde, sieben Filialen im Brandenburgischen. In Biesenthal (Barnim) entstand zudem eine Niederlassung, in der die Innovationen des Unternehmens getestet werden. Zum Leistungsspektrum der Wäscherei gehört ein Haus-zu-Haus Dienst sowohl für Privat- als auch für Geschäftskunden.
Das Geschäft mit der schmutzigen Wäsche aus Privathaushalten läuft zuverlässig. Neben den vielen Privatkunden in Berlin und Brandenburg versorgt die Firma Kitas, Seniorenheime und Gaststätten der Hauptstadt. Und das Unternehmen hat eine weitaus größere Strahlkraft. In Sachen Forschung und Entwicklung hat Waretex Kunden in ganz Europa. Wenngleich der Firmenname den Kunden in Europa vielleicht nichts sagen wird, die Branchenkenner wissen, dass Waretex zum Laundry Innovation Networking (LIN) gehört. Lothar Kühne hat den Beiratsvorsitz inne.
In der Wäschereibranche hat sich dieses Netzwerk, bestehend aus verschiedenen deutschen  Unternehmen und forschungs- und entwicklungsführenden Einrichtungen, einen Namen gemacht. Mit dabei sind unter anderem die Hochschule für Nachhaltige Entwicklung (HNE) Eberswalde, die Brandenburgische Technische Universität (BTU) in Cottbus und das Fraunhofer Institut. Innerhalb des Netzwerkes spielt Waretex als Impulsgeber für viele Entwicklungen eine maßgebliche Rolle.
Einen wesentlichen Anteil daran hat Lothar Kühne selbst. Sein Weg war schon von Hause aus vorbestimmt: Der heute 70-Jährige  ist in der Wäscherei seiner Eltern in Bernau (Barnim) aufgewachsen. Nur mit einer kleinen Privatwäscherei hatte der Bernauer nichts am Hut. Er interessierte sich von Anfang an für Industriewäschereien. Nach dem Studium in der Tuchstadt Forst zum Textilreinigungsingenieur und einem Ökonomiestudium in Dresden standen dem „Wäscherei-Nachfahren“ alle Türen offen. Im VEB Kombinat Rewatex wurde er schließlich Direktor.
Das Unternehmen, das damals wie heute mit einem kleinen Mädchen mit Kopftuch für Reinheit  wirbt, firmierte seit 1953 als VEB Blütenweiß (im Volksmund VEB Edelgrau) und ab 1961 als VEB Vereinigte Wäschereien Berlin Rewatex (kurz VEB Rewatex). Am 1. Juli 1981 schlossen sich die Betriebsteile in  Spindlersfeld  aufgrund eines Beschlusses des Sekretariats des Zentralkomitees der SED vom Februar 1981 mit einem Werk in Berlin-Buch zusammen und beide firmierten fortan als VEB Kombinat Rewatex Berlin. Anfangs waren 3000 und zuletzt rund 4500 Mitarbeiter in dem staatseigenen Betrieb beschäftigt.
1993 gründeten ehemalige Rewatex-Mitarbeiter das Unternehmen Waretex. Bis heute ist ein Großteil noch immer dabei. So wie Lothar Kühne. Auch Geschäftsführerin Margrit Köhli, die Mitarbeiterinnen in den drei kleinen Wäschereien und die Haus-zu-Haus-Fahrer kamen einst von Rewatex zu Waretex.
Zu den Neuerungen des Unternehmens gehören ein Stapelgreifer für Flachwäsche und ein Wärmetauscher. Letzterer nutzt die Abluft einer Wäschemangel zum Erwärmen des Wassers für die Waschmaschinen. „Das Prinzip ist perfekt gegenüber früher, als die heiße Luft über das Dach hinaus ins Freie gepustet wurde“, sagt Lothar Kühne. Bei diesem Prozess wird etwa  zwölf Grad kaltes Wasser mittels der Abluft auf etwa 50 Grad erhitzt und somit  Energie eingespart, erklärt Kühne weiter. Die Wäschemangel ist der höchste Energieverbraucher in Großwäschereien, zugleich aber auch das größte Reservoir  zur Rückgewinnung von Energie. Diese von Waretex konzipierten Anlagen, mit denen die Energie mehrfach genutzt werden kann, werden von Netzwerkpartnern in Sachsen produziert.
Der Stapelgreifer ist in Verbindung mit einem Roboter in der Lage, Rollcontainer mit Wäschepaketen zu füllen. Auf der Wäscherei-Messe Texcare in Frankfurt am Main stieß diese Innovation auf großes Interesse bei den Fachbesuchern.
Dabei liegen dem 70-Jährigen vor allem die Privathaushalte am Herzen. Für Hotel- und Krankenhauswäsche gibt es längst voll automatisierte Wäschestrecken. „Diese sind jedoch auf den Privatkundenbereich nicht eins zu eins anwendbar“, erklärt Kühne. Für die Umsetzung hat Lothar Kühne längst einen Plan. Das Zauberwort heißt für den Experten Radio-Frequenz-Identifikation (RFID). „Wir wissen, dass über RFID die Privatwäsche genauso gekennzeichnet und ausgelesen werden könnte wie Krankenhaus- oder Hotelwäsche. Und damit wäre eine Riesenumweltentlastung möglich, wenn man deutschlandweit die große Wäsche, wie Tisch- und Bettwäsche zum Beispiel, kostengünstiger und umweltfreundlicher als im Privathaushalt waschen könnte.