Wir UNTERNEHMEN hier - innovativ

Für Tiefseeforscher oder Pferdebeine

Wirtschaftsunternehmen zeichnen sich dadurch aus, dass sie Entwicklungen vorantreiben. Dazu müssen die Firmen auf der Höhe der Zeit sein oder dieser sogar voraus. Zu entwickeln heißt, innovativ zu sein in Produktionsprozessen, Materialverwendung oder Technikeinsatz. In Zusammenarbeit mit der Märkischen Oderzeitung stellen wir einige innovative Unternehmen aus der Region vor.
„Mit tiefem Dank“, steht als Widmung auf der ersten Seite des Buches. Es ist ein Bildband des Tiefseetauchers und Meeresforschers Jacques-Yves Cousteau. Das Buch ist ein Dankeschön des Teams des wohl berühmtesten Kunden der Sedo Chemicals Neoprene GmbH in Fürstenwalde.  Die Firma stellt den Stoff her, aus dem Taucheranzüge gemacht werden: das dehnbare, gut isolierende Neopren.  
Cousteau ist vor 21 Jahren gestorben. Sein Bildband steht heute in einer Vitrine im Konferenzraum der Firma. Für Taucheranzüge aber fertigt der Betrieb noch immer das Material. „Wir liefern Neopren für Spezialanwendungen“, sagt Roland Loch, Geschäftsführer von Sedo Chemicals Neoprene.  Zu diesen Spezialanwendungen zählen Anzüge für Industrietaucher, die Polizei oder das Militär. Aber auch der Tauchsport war für das Fürstenwalder Unternehmen lange ein wichtiger Markt.  Doch Mitte der 90er Jahre brach er durch die Billigimporte aus Asien zusammen. Die Anzüge von der Stange für den Hobbytaucher, die Massenware, kommt seither aus Fernost. „Es gibt kaum noch  Unternehmen in Europa, die Tauchanzüge herstellen“, sagt Loch. 1998  wurde der  studierte Außenhandels-Ökonom  Geschäftsführer bei Sedo Chemicals, das Neopren herstellt und an weiterverarbeitende Betriebe liefert.   Sedo Chemicals musste sich in den 90er Jahren neu orientieren, neue Geschäftsfelder außerhalb des Wassersports erschließen. Roland Loch und seine Kollegen sind viel auf Messen unterwegs. Auch im Internet wird die Firma von Kunden gefunden. Diese  kommen heute zum Beispiel aus dem Pferdesport. Aus Fürstenwalder Neopren stellen andere Firmen Gamaschen her, die Pferdebeine schützen.  Fürstenwalder Neopren steckt aber auch in Tragegurten von Jagdgewehren,  in Fotoausrüstungen, Feldstecherhüllen, Handschuhen für die Polizei, Wathosen für Angler, Ausrüstung für Feuerwehren, Tanzschuhen oder Bandagen für menschliche Knöchel und  Knie beispielsweise.   Das Unternehmen betreibt ein eigenes Labor,  erzählt Loch. Es kann die Eigenschaften des Neoprens so beeinflussen,  es den jeweiligen Wünschen der Kunden anpassen.  „Unser Vorteil ist dass wir schnell liefern, dass wir kleine Losgrößen anbieten können“, sagt der Geschäftsführer. Denn der Markt verändert sich stetig.  Seit einiger Zeit ist das Fürstenwalder Produkt zum Beispiel für Hundegeschirre gefragt.
Neopren ist leicht, elastisch, gut wärmeisolierend.  Meist sieht es schwarz aus, manchmal auch weiß, für medizinische Zwecke zum Beispiel.   Es kann etwas dicker sein und etwas fester oder feiner und dehnbarer. Seine Herstellung, sagt Roland Loch „kann man sich wie Kuchenbacken vorstellen.“  Zuerst ist da das Rezept. Danach werden die Zutaten abgewogen. Kleinste Änderungen in der Menge, zehn Gramm nur, können seine Eigenschaften schon leicht verändern. Hauptzutat sind die sogenannten CR-Chips, helle, münzgroße Stücke. Sie bestehen aus Chloropren, einem Kunststoff. Die Chips werden mit anderen Zusätze vermischt, zum Beispiel verschiedenen Sorten Ruß, die die Festigkeit verändern.  Und Treibmittel, die später wie Backpulver wirken. Das Ganze wird wie beim Bäcker zuerst  geknetet – zu einer dunklen, schweren Masse. Die wird  durch Siebe gepresst, damit sich keine Luftblasen im Material bilden können. Anschließend wird das Ganze gewalzt und schließlich gebacken.  Der Fachmann sagt: vulkanisiert. Weit über hundert Grad Hitze lassen das Material  fluffig aufgehen – dabei entstehen unzählige feine Luftbläschen, die dem Neopren die  charakteristische Elastizität geben.  Heraus kommt eine schwarze Matte, die zugeschnitten und zuletzt meist noch mit farbigen Stoffen beschichtet wird, mit Lycra oder Frottee zum Beispiel.
In den Werkhallen von Sedo Chemicals arbeiten meist Männer. 35   Mitarbeiter hat die Firma. Roland Loch kennt sie alle mit Vor- und Zunamen. Die meisten kommen aus der näheren Umgebung von Fürstenwalde. In den 90er Jahren ist das Unternehmen aus Westberlin nach Fürstenwalde gekommen. Weil es hier Platz gab auf einem  früheren Gelände des Fürstenwalder Reifenwerkes und auch Arbeitskräfte aus der Chemiebranche  vorhanden waren.  „Unser Hauptmarkt ist Deutschland. Wir  liefern aber auch in nahezu alle anderen europäischen Länder“, sagt  Roland Loch. Das Neopren wird auf Paletten verpackt oder in Rollen verschickt. Das Verpacken geschieht zumeist in Handarbeit. Vorsichtig, geradezu bedachtsam rollen Arbeiter einen lila beschichteten Stoff auf. Jede Falte würde den weichen Kunststoff verderben. Aus dem lila beschichteten Neopren werden später Bandagen.  Manchmal rufen sogar Theater bei Roland Loch an. Die brauchen den Taucheranzug-Stoff für ihre Kostüme.
Ina Matthes