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Die Chemie muss stimmen

Wirtschaftsunternehmen zeichnen sich dadurch aus, dass sie Entwicklungen vorantreiben. Dazu müssen die Firmen auf der Höhe der Zeit sein oder dieser sogar voraus. Zu entwickeln heißt, innovativ zu sein in Produktionsprozessen, Materialverwendung oder Technikeinsatz. In Zusammenarbeit mit der Märkischen Oderzeitung stellen wir einige innovative Unternehmen aus der Region vor.
Auf dem Fensterbrett in der Geschäftsführung liegen verschiedene  Muster. Eines sieht aus wie eine Scheibe von einem Kastenbrot. Ein anderes erinnert an einen transparenten Untersetzer. Jedes hat eine andere Festigkeit, eine andere Haptik und Farbe. „Das sind alles Proben von Gießharzprodukten“,  sagt Janet Woschinik, Laborleiterin in der Firma Fließ- und Gießharztechnik Dr. Ludeck in Fredersdorf-Vogelsdorf.  Sie gibt Auskunft, wenn Geschäftsführer Marco Lodni zu Terminen unterwegs ist. Der 57-Jährige hat nämlich gleich zwei Chefposten inne. Sowohl in Fredersdorf-Vogelsdorf als auch im bayrischen Augsburg ist er als Geschäftsführer tätig. In Augsburg ist es die Aqua Air GmbH, Herstellerin von ölfreien Schraubenkompressoren, in Fredersdorf-Vogelsdorf die Kleb- und Gießharztechnik Dr. Ludeck GmbH. Heute ist er zu einer kurzfristigen Inbetriebnahme einer Teemühle nach Hamburg unterwegs.
 „Bei uns stimmt die Chemie – und das im wahrsten Sinne des Wortes“, sagt Firmengründer Manfred Ludeck und grinst übers ganze Gesicht, während er in sein ehemaliges Büro kommt. Er zeigt auf den Chefsessel: „Das war mal meiner“. Und es klingt so gar nicht wehmütig, eher optimistisch, als er sich gegenüber an den Besprechungstisch setzt. Vor zwei Jahren hat Firmengründer Ludeck sein „Baby“ – die Kleb- und Gießharztechnik an die Aqua Air GmbH in Augsburg verkauft - an einen langjährigen Geschäftspartner.  Er und Aqua Air-Geschäftsführer Marco Lodni kennen sich seit mehr als 20 Jahren.  Nun ist der gebürtige Bautzener in der Verantwortung und Manfred Ludeck mit seinen mittlerweile 80 Jahren als sein Berater tätig.
Am Telefon berichtet Marco Lodni von den tollen Erfahrungen im Brandenburgischen und natürlich von der sehr guten Zusammenarbeit seiner Teams in Augsburg und Fredersdorf-Vogelsdorf. Mindestens einmal in der Woche komme er an den Berliner Rand, um persönlich über gemeinsame Projekte zu reden, sagt er.
Die Schwerpunkte des brandenburgischen Unternehmens liegen in der Entwicklung und Herstellung von Klebstoffen und Gießharzen. Die vieljährige Erfahrung, sich auf die speziellen Bedürfnisse und Anforderungen unterschiedlicher Industriezweige einstellen zu können, hat zu stabilen  Kooperationen geführt. Die Aufträge kommen vorrangig aus Bereichen der Automobilindustrie, Elektronik und Elektrotechnik, aus der Medizintechnik, dem Transportwesen und der Nahrungsmittelindustrie.  Die Firma entwickelt neue Werkstoffe und stellt Nischenprodukte her. Kundenaquise kennt das kleine Unternehmen mit seinen zehn Mitarbeitern nicht. „Die Kunden finden uns“,  erzählt Manfred Ludeck.
Bislang nahm die Forschung in der Firma mit über 50 Prozent den Löwenanteil ein. Jedes Produkt ist eine Innovation, denn für jeden Kunden wird ein spezielles, auf seine besonderen Anforderungen angepasstes Produkt entwickelt. Das Know-How von Manfred Ludeck und das der Chemiker im Unternehmen wird mit jedem Auftrag neu auf die Probe gestellt. Die Produktion blieb bislang dahinter zurück. Das soll in den kommenden fünf Jahren anders werden. „Die Forschung soll durch die Produktion von Klebstoffen und Gießharzen finanziert werden“, so Laborleiterin Janet Woschinik. Auch räumlich wolle man sich vergrößern. Die Umsatzsteigerung in den vergangenen zwei Jahren von 280 000 auf 400 000 Euro gibt dem Unternehmen Recht, Investitionen anzukurbeln.
Die Kleb- und Gießharztechnik Dr. Ludeck GmbH befindet sich auf einem bewachten Industriegelände.  Ohne Anmeldung wird niemand vorgelassen. Das hat Gründe. Mehrfach sei versucht worden, in die Labore und Geschäftsräume einzubrechen.  Dabei sei es den Einbrechern weniger um die längst in die Tage gekommenen Apparaturen in den Laboren gegangen. „Unser Kapital steckt in unseren Köpfen“, erklärt Manfred Ludeck. Zum eigenen, aber auch zum Schutz der Kunden, werden Rezepturen geschützt. „Die Kunden müssen zu uns kommen. Es wird nichts am Telefon verhandelt“, sagt Manfred Ludeck. Alle Rezepturen sind streng geheim. Die Kleb- und Gießharztechnik Dr. Ludeck GmbH stellt deutschlandweit als einziges Unternehmen Polyamide her, die auf bis zu 650 Grad Celsius erhitzt werden können. Der Kundenwunsch steht dabei immer im Vordergrund.
Angefangen hatte alles 1984 in Berlin-Lichtenberg. Unter schwierigen Bedingungen machte sich Manfred Ludeck, damals noch in der DDR, selbstständig und gründete das Unternehmen, das seinen Namen trägt. Sein Wissen verdankt der Chemiker und Ingenieurwissenschaftler seinem Studium, den Erfolg seiner Hartnäckigkeit. 2003 sei der private Unternehmer an den Berliner Rand gezogen.
 Manfred Ludeck hat im Laufe seines Berufslebens mehr als 100 Patente angemeldet und 1000 verschiedene Klebstoffe entwickelt. Von der Patentanmeldung hält der 80-Jährige schon lange nichts mehr. Patente seien nur dazu da, Mitbewerber schlau zu machen, sagt er.
Kathrin Busch