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Intelligente Putzmittel fürs Internet

Wirtschaftsunternehmen zeichnen sich dadurch aus, dass sie Entwicklungen vorantreiben. Dazu müssen die Firmen auf der Höhe der Zeit sein oder dieser sogar voraus. Zu entwickeln heißt, innovativ zu sein in Produktionsprozessen, Materialverwendung oder Technikeinsatz. In Zusammenarbeit mit der Märkischen Oderzeitung stellen wir einige innovative Unternehmen aus der Region vor. Es wimmelt im Internet davon: Beleidigungen, Hetze, Beschimpfungen. Webseitenbetreiber werden der Flut oft kaum Herr. Eine Bernauer Firma entwickelt Software, die Trolle im Netz stoppen soll.
Vorm Haus eine gemütliche Einkaufsstraße, dahinter ein Garten mit blühenden Büschen: In einem sanierten Fachwerkhaus in der historischen Innenstadt von Bernau hat das Unternehmen Ferret go seinen Sitz. Wer die Haustür öffnet, fühlt sich, als betrete er ein Museum: ein kühler, schummriger Flur. Von Balken durchzogene, hell verputzte Lehmwände mit der aufgemalten Jahreszahl 1806. Eine Tür im Erdgeschoss führt in den Garten.
Vor rund anderthalb Jahren ist die Software-Firma in das Haus eingezogen. „Das hat genau den ruhigen Charme, den wir brauchen“, sagt Geschäftsführer Daniel Köllner. Der studierte Ökonom aus Thüringen hat bei Firmen wie dem Onlinehändler ebay, bei Audi und verschiedenen Startups gearbeitet, bevor er zu Ferret go kam.
Ferret heißt im Englischen Frettchen, ein Tier, das früher zum Aufstöbern von Kaninchen gebraucht wurde. Auch Ferret go stöbert auf: Hassbotschaften, Beleidigungen und Hetze. In Internetforen, auf Facebook-Seiten, in Kommentarspalten von Webseiten. Viele Seitenbetreiber werden der Flut an Schund und Schmutz kaum Herr. Für sie entwickelt die 2012 gegründete Firma Mittel Putzmittel fürs Internet.
Im Obergeschoss des Fachwerkhauses, in Zimmern mit Blick auf die Straße, sitzen Softwareentwickler vor ihren Rechnern. 15 Männer und Frauen beschäftigt Ferret go. Darunter ist auch ein Brasilianer. Er hat als Selbstständiger von Brasilien aus für das deutsche Unternehmen gearbeitet und ist dann nach Deutschland umgezogen - um bei Ferret go zu arbeiten. Köllner ist „schon stolz darauf“, dass die junge Firma den Experten für benutzerfreundliches Web-Design für sich gewinnen konnte.
Er ist eine Ausnahme: Das Gros der Angestellten kommt aus Brandenburg und Berlin. Bernau ist für sie ein günstiger Standort: Mit den Öffentlichen gut zu erreichen von Potsdam oder Berlin, wo einige der Angestellten wohnen. Ihr Produkt: Conversario – Intelligente Programme, die Schmähungen und Hetze erkennen. Die Software analysiert Texte. Sie reagiert auf Schreisprache, also Text in Großbuchstaben. Sie erkennt Reizworte und sich wiederholende sprachliche Muster. So filtert sie Kommentare, bevor sie auf Internetseiten oder in Social-Media-Portalen veröffentlicht werden. Die Software entscheidet im Hintergrund, ob die Botschaften unbedenklich sind, gesperrt werden müssen oder sortiert sie in die Rubrik „Zweifelsfälle“ ein
Köllner und seine Kollegen haben ihre künstliche Intelligenz mit ungezählten Beispielen trainiert. Sie haben ihr Reizworte und Wendungen beigebracht und die Filter-Ergebnisse der Maschine immer wieder kontrolliert und korrigiert. So lernt die Software aus ihren Fehlentscheidungen, sie verbessert sich.
Köllner sieht das Eingreifen der künstlichen Intelligenz nicht als Einschränkung von Meinungsfreiheit. Conversario solle Redaktionen helfen, ihrer gesetzlichen Sorgfaltspflicht nachzukommen und die Netiquette in Foren oder auf Social Media Seiten einzuhalten. „Die Plattformbetreiber haben eine Monitoring-Auflage, die nichts mit Zensur zu tun hat“, sagt Köllner. Die Software solle den Redaktionen helfen, die Flut von Kommentaren zu bewältigen. Völlig fehlerfrei ist sie dabei nicht. Bei drei bis vier von 100 Kommentaren überreagiert das Programm und sperrt zu restriktiv. Oder es lässt zu viel durchrutschen. Am Ende des Tages müsse der Mensch entscheiden, was online erscheinen soll und was nicht, meint Daniel Köllner. „Die Maschine braucht den Menschen.“
Vor allem bei den Zweifelsfällen, wenn sich die Software  nicht sicher ist. Wirtschaftsunternehmen zeichnen sich dadurch aus, dass sie Entwicklungen vorantreiben. Dazu müssen die Firmen auf der Höhe der Zeit sein oder dieser sogar voraus. Zu entwickeln heißt, innovativ zu sein in Produktionsprozessen, Materialverwendung oder Technikeinsatz. In Zusammenarbeit mit der Märkischen Oderzeitung stellen wir einige innovative Unternehmen aus der Region vor.Denn die künstliche Intelligenz erkennt nur wiederkehrende Muster für Hasssprache, aber sie versteht einen Text nicht. „Die Maschine liest den Text und der Mensch liest zwischen den Zeilen“, sagt Köllner. Den Kontext eines Satzes zu verstehen, ist für künstliche Intelligenz schwierig. Bei Ironie muss die Maschine passen ebenso bei Fake News.
Den Wahrheitsgehalt von Nachrichten kann heute nur ein Mensch überprüfen und recherchieren. Die Programme von Ferret go können es nicht. Auch wenn sie ausgezeichnet sind: 2016 bekam Ferret go ein Ehrenzeichen der Stadt Bernau für Software gegen Hetze im Internet. Die Urkunde hängt im Flur, gut sichtbar für jeden, der das Haus betritt.
Vor kurzem kam noch ein Innovationspreis IT der Initiative Mittelstand dazu. Ferret go ist auch wirtschaftlich erfolgreich. Seit 2016 macht das Unternehmen Gewinn. In diesem Jahr strebt es einen Umsatz von einer Million Euro an, im Jahr zuvor waren es knapp 900 000 Euro. Die IT-Firma arbeitet vor allem für Medienunternehmen wie das Magazin Focus online, die Frankfurter Allgemeine Zeitung oder den Sender n-tv. Wenn Software Kommentare vorab filtert, sagt Köllner, fördere das einen konstruktiven Dialog. „In der Community wird das positiv wahrgenommen. Wir sehen dann, dass das Kommentaraufkommen steigt.“
Aber Software von Ferret go kann nicht nur Texte analysieren, sie kann auch einen Dialog führen. Das Bernauer Unternehmen programmiert auch sogenannte Chatbots. Das sind Programme, die sich mit ihren Nutzern unterhalten. Sie können zum Beispiel helfen, eine Testfahrt mit einem bestimmten Automodell zu buchen oder den richtigen Studienplatz zu finden. Schnell, rund um die Uhr und bequem von zu Hause aus.
Ein Abiturient zum Beispiel, setzt sich an den Rechner und ruft die Webseite einer Uni auf. Dort  findet er einen Button „Studienberatung“, klickt darauf und wird vom Chatbot begrüßt. Der stellt ihm Fragen: Welchen Schulabschluss hast Du? Wofür interessierst Du Dich?
Je nachdem, welche Antwortmöglichkeit der künftige Student anklickt, wird er durch einen Dialog geleitet. Am Ende bekommen Interessenten einen Vorschlag für ein Studium an einer Universität, den sie sich als pdf auch mailen lassen können. Vorteil: Der Chatbot ist zu erreichen, wenn die telefonische Studienberatung schon im Feierabend oder gerade besetzt ist.  Und wer nach dem Dialog mit der Software noch Fragen hat, kann immer noch die Menschen in der Uni anrufen.
Ina Matthes