Wir UNTERNEHMEN hier - innovativ

Bausteine in Bewegung

Wirtschaftsunternehmen zeichnen sich dadurch aus, dass sie Entwicklungen vorantreiben. Dazu müssen die Firmen auf der Höhe der Zeit sein oder dieser sogar voraus. Zu entwickeln heißt, innovativ zu sein in Produktionsprozessen, Materialverwendung oder Technikeinsatz. In Zusammenarbeit mit der Märkischen Oderzeitung stellen wir einige innovative Unternehmen aus der Region vor.
 
Mit ihren Roboter-Baukästen hat sie schon viele Preise geholt: die Bernauer Firma Kinematics. In diesem Jahr gab es den Innovationspreis Berlin Brandenburg. Für einen Roboter, den schon Vorschulkinder selbst programmieren können.
Er ist ein niedliches Kerlchen. Mit seinen großen Glupschaugen erinnert der kleine Roboter an Wall-E, den Roboter aus dem Pixar-Film vom Müllplaneten Erde. „My first Robot“ heißt das neueste Spielzeug der  Kinematics GmbH. Das Start-up hat seinen Sitz in Bernau. In den Räumen eines ehemaligen Marktes am Stadtrand stellt es Spielzeugroboter her, solche wie My first Robot. Technikchef Christian Guder lässt den glupschäugigen Kleinen über einen Tisch rollen, vorwärts, rückwärts, zur Seite. Guder steuert ihn dabei mit seinem Smartphone.  „Das ist ein Roboter, mit dem Kinder programmieren lernen können“, sagt der 37-jährige Mitgründer von Kinematics.
Dazu müssen Kinder noch nicht einmal lesen können, der Aufbau wird mit Symbolen erklärt. Das neueste Modell  wurde für Kinder ab fünf Jahren entwickelt . Mit einer App, die auf einem Tablet oder einem Smartphone läuft, lernen Vorschulkinder, den Roboter zu lenken. Zuerst sind es nur einfache Bewegungen, doch die Anforderungen steigern sich. Wer die Grundlagen beherrscht, kann seinen Roboter durch ein  Spiel bewegen, das auf dem Smartphone läuft. Dabei gibt es verschiedene Level  zu bewältigen. So verbindet sich die reale Welt des Roboters mit der virtuellen Welt des Videospiels.
Bevor die Jüngsten aber mit der kleinen Maschine spielen können, müssen sie sie zusammenbauen. My first Robot besteht aus 207 Bausteinen, die sich zusammenklicken lassen – wie Lego.  Für das Steuern der Roboter bräuchten die Kinder nicht das neueste Smartphone, es funktioniere mit älteren Geräten, heißt es in der Firma. Oder ganz ohne: Die Spielzeuge lassen sich auch über ihre zentrale Recheneinheit manövrieren, das Powerbrain. Das ist ein roter Baustein mit Knöpfen, die Kommunikationseinheit der Spielzeug-Maschinen, die von Mini-Motoren angetrieben werden.
Sieben solcher Roboterbaukästen hat Kinematics bereits unter dem Namen Tinkerbots auf den Markt gebracht. „Tinkerbots ist ein modulares Robotik-System, mit dem Kinder spielerisch an die Themen Robotik, Programmierung und Mechanik herangeführt werden“, erläutert  Christian Guder.
Entstanden ist die Idee dazu 2009 an der Bauhaus-Universität Weimar. Dort studierte Kinematics-Gründer Leonhard Oschütz Produktdesign. Er wollte Lego lebendig machen. Einfach sollte das Ganze sein und kabellos funktionieren. Also erfand er ein System, bei dem sich bewegliche Teile mit anderen, unbeweglichen Steinen zusammenklicken  lassen - zu Fahrzeugen, Maschinen oder Roboter-Hunden. An diese Konstruktionen lässt sich das klassische Lego andocken, sodass der Fantasie der Kinder beim Bauen keine Grenzen gesetzt sind. Mit zwei Freunden, darunter der Produktdesigner Christian Guder, gründete Oschütz schließlich eine Firma.
Das Start-up räumte zahlreiche Preise ab – darunter mehrere Designpreise und einen Preis der Technikmesse CEBIT. 30 Mitarbeiter gehören heute zum Unternehmen. Es gibt ein Büro in Berlin. Produziert  aber wird in Bernau. Produktion heißt vor allem – Montage. Die Plastik-Teile für die Bausteine werden von Firmen in Deutschland hergestellt und nach Bernau geliefert. Hier werden die Elemente der Baukästen hauptsächlich in Handarbeit zusammengesetzt: geklebt, gesteckt, gelötet.
Das hat seinen Preis: Zwischen knapp 120 Euro und rund 380 Euro kosten die Bausätze. Kinematics verkauft sie über den eigenen Webshop, aber auch in Kaufhäusern wie dem Berliner KaDeWe oder in Elektronikmärkten. „Seit 2013 konnten wir unsere Umsätze jährlich steigern und haben gerade in 2017 erheblich expandiert“, sagt Geschäftsführerin Adrienne Fischer. „Inzwischen gibt es Tinkerbots in den USA, Asien und Dubai“.
Dass die Baukasten-Idee auf dem Prinzip von Lego aufsetzt, sei juristisch kein Problem, wie sie erläutert. Die Patentrechte für Lego hätten bis in die 70er Jahre gegolten. Inzwischen seien sie markenrechtlich nicht mehr geschützt. Andere Firmen dürften also ebenfalls Noppensteine entwickeln, die an die Idee von Lego erinnern.
Das Unternehmen will sich künftig stärker auf den Bereich Bildung ausrichten.
„Aus unserer Sicht gibt es im Bereich digitale Bildung in Kindergärten und Schulen und nicht zuletzt bei den Lehrern selbst viel Nachholbedarf in Deutschland“, sagt Adrienne Fischer. Das Unternehmen wolle wachsen – und Brandenburg treu bleiben. My first robot  wird also weiter von Bernau in die Kinderzimmer verschickt – nach Deutschland, Russland oder Dubai.
Ina Matthes