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Von Alter Abt bis Anti-Aging

Wirtschaftsunternehmen zeichnen sich dadurch aus, dass sie Entwicklungen vorantreiben. Dazu müssen die Firmen auf der Höhe der Zeit sein oder dieser sogar voraus. Zu entwickeln heißt, innovativ zu sein in Produktionsprozessen, Materialverwendung oder Technikeinsatz. In Zusammenarbeit mit der Märkischen Oderzeitung stellen wir einige innovative Unternehmen aus der Region vor.
Das Alter zu besiegen ist ein Traum, der Anstrengung erfordert – von Fitness bis zur Schönheits-OP. Wie verlockend klingt im Gegensatz dazu die Verheißung der Klosterbrauerei Neuzelle GmbH, durch Biertrinken jung zu bleiben? Das "Anti-Aging-Bier" sei "das erste Bier, mit dem man nicht nur sein Gegenüber schöntrinkt, sondern auch sich selbst", sagt Geschäftsführer Stefan Fritsche. Spurenelemente und Algen sind mit drin – ob es hilft? Zumindest erregt es Aufmerksamkeit – genauso wie das "Badebier", mit dem man sich zu Hause ein prickelndes Wellness-Erlebnis verschaffen kann.
Die Klosterbrauerei wagt den Spagat zwischen alter Braukunst und kreativen Ideen. Einerseits wird das Handwerk traditionell betrieben – beispielsweise mit einer hundert Jahre alten Malzmühle. Andererseits komme es beim Abfüllen auf moderne Technik an, um hygienisch einwandfreie Produkte zu schaffen, betont Stefan Fritsche. So sei das Bier ohne Zugabe von Zusatzstoffen mindestens ein Jahr haltbar, was besonders für den Export von Bedeutung sei. "Von daher ist beides wichtig: Auf der einen Seite Manufaktur, die alten Rezepturen, auf der anderen Seite aber auch die modernste Abfülltechnik der Welt." Etwa zehn Prozent der Produktion werden exportiert – vor allem nach Russland, aber auch nach China und Japan. Biersorten aus Neuzelle seien in großen Warenhäusern wie dem GUM in Moskau oder dem KaDeWe in Berlin zu finden, erzählt Fritsche.
Die Braukunst hat in Neuzelle eine lange Tradition. Die Erlaubnis zum gewerblichen Bierbrauen haben die Neuzeller Mönche im Jahr 1589 erhalten. Das historische Gebäude und die Umgebung seien Anziehungspunkte für Touristen, sagt Stefan Fritsche. "Es gibt nur noch eine Handvoll von Klosterbrauereien auf der Welt" Inzwischen kämen Bierliebhaber aus der ganzen Welt vorbei. "Es ist ein wunderschönes Ambiente hier." Auch vertriebstechnisch sei der Standort mitten in Europa ideal.
Inzwischen kann der Geschäftsführer die oft gestellte Frage, ob im Kloster denn auch Mönche wohnen, bejahen. 2017 wurde das 1817 enteignete Neuzeller Kloster nach 200 Jahren wieder besiedelt. Stefan Fritsche bezeichnet die Ankunft der Zisterzienser-Mönche als "Geschenk des Himmels".
Handwerklich gebrautes Bier liegt im Trend – das zeigt auch die aus den USA kommende Craft-Bier-Bewegung, die inzwischen auch Deutschland erreicht hat. Traditionell geht es in Neuzelle eh zu. Die Klosterbrauerei aber setzt noch eins drauf: Das sogenannte UrCraft-Bier, nicht pasteurisiert, unfiltriert und handabgefüllt. Da es nicht so lange haltbar ist, können Kunden es über den Online-Shop vorbestellen. Sobald eine neue Charge produziert wird, bekommen sie es direkt nach Hause geliefert. "Frischer geht das dann gar nicht mehr", betont Stefan Fritsche. Für diese Idee hat das Unternehmen 2015 den ersten Platz beim pro agro Marketingpreis im Bereich Direktmarketing belegt.
Während andere Brauereien sich die Einhaltung des Deutschen Reinheitsgebots auf die Fahnen schreiben, üben sich die Neuzeller in Rebellion – und das aus Tradition. Denn dem Schwarzen Abt, einem süßlichen Schwarzbier, wird traditionellerweise im Brauprozess Zucker beigefügt. Weil dies dem Reinheitsgebot widerspricht, hat die Brauerei einen zwölfjährigen Kampf mit der Brandenburger Landesregierung ausgefochten. 2005 hat ihr das Bundesverwaltungsgericht schließlich Recht gegeben. Dieser "Brandenburger Bierkrieg" hat der Brauerei zu noch mehr Bekanntheit verholfen – ebenso wie eine Marketingaktion, die ebenfalls mit dem Schwarzen Abt zu hat. 2013 brach eine kleine Delegation aus Neuzelle mit Bierflaschen auf, um diese mit zu einer Audienz bei Papst Franziskus auf dem Petersplatz in Rom zu nehmen. Nach dem weltlichen Segen sollte nun auch der päpstliche folgen, so die Idee. Mit kleinen Filmen, die auf dem YouTube-Kanal der Brauerei zu sehen sind, wurde die Reise dokumentiert.
35000 Hektoliter werden pro Jahr in der Neuzeller Brauerei abgefüllt, das sind sieben Millionen Flaschen. Das Unternehmen produziert 43 Biersorten mit 43 Mitarbeitern, darunter sind 12 Auszubildende. Fachkräfte heranzuziehen, sei für die Brauerei eine wichtige Aufgabe, betont Fritsche.
Wer Neuzeller Klosterbier trinke, unterstütze jedoch nicht nur die die Mitarbeiter, sondern noch etwa 200 weitere Familien. Denn die Brauerei lege Wert darauf, mit Logistikern, Stahlbauern, Elektrotechnikern und anderen Unternehmen aus der Region zusammenzuarbeiten, sagt der Geschäftsführer. Schön fände er, wenn das lokale Bier in der Region noch präsenter würde – etwa beim Stadtfest in Eisenhüttenstadt. "Man sollte nicht so kurzsichtig sein und gucken: Wo ist das billigste Bier, sondern auch ein bisschen mehr an die Regionalität denken." Für die Brauerei laute die Devise, nicht zu wachsen, sondern noch spezieller zu werden. "Wir entwickeln weiter innovative und exklusive Produkte", betont Fritsche.
Inga Dreyer