FORUM Januar/Februar

Eine neue Zeitrechnung hat begonnen

Mit Beginn dieses Jahr hat die IHK Ostbrandenburg eine aktualisierte Strategie. Die Strategie 2025 formuliert die Leitlinien der IHK-Arbeit für die kommenden fünf Jahre. Ziel der Strategie 2025 ist es, den aktuellen und mittelfristigen Herausforderungen zum Nutzen der gesamten regionalen Wirtschaft erfolgreich zu begegnen. Dazu interviewte FORUM den IHK-Präsidenten Carsten Christ.
Herr Präsident, im vergangenen Jahr wurde viel Arbeit in die Erarbeitung der neuen IHK-Strategie investiert – im Ehrenamt, in Ausschüssen, in der Vollversammlung, in Workshops, es gab ein Kolloquium usw. Wie haben Sie den Prozess der Erarbeitung wahrgenommen?
Carsten Christ: Es war das erste Mal, dass ich so einen Prozess im Rahmen meines Ehrenamtes als Präsident begleiten durfte. Ich habe die Vorbereitung und Durchführung als professionell und zielorientiert erlebt. Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis.
Zufrieden – was heißt das?
Carsten Christ: Meine Sicht als Mensch und Unternehmer finde ich in den Ausarbeitungen zu 100 Prozent wieder. Kein Thema fehlt.
Gab es einen Moment in diesem einen Jahr der Strategiefindung, wo Sie meinten: Jetzt wird es kompliziert? Jetzt gibt es Überraschungen?
Carsten Christ: Nein, überhaupt nicht. Möglicherweise fehlen mir die Vergleiche, weil es ja wie gesagt zum ersten Mal war, dass ich so eine Ausarbeitung begleiten durfte. Aber vielleicht ist das auch eher eine Chance als ein Hindernis. Ich bin grundsätzlich ein Mensch, der nicht zuerst Probleme sieht, sondern eher die Möglichkeiten.
Es gab keine Überraschungen?
Carsten Christ: Vielleicht das Standardthema: „IHK als Stimme der Wirtschaft“, also Kommunikation und Interessenvertretung für die regionale Wirtschaft. Das ist ja eine grundsätzliche Aufgabe der IHKs, per Gesetz. Warum das Thema dann extra als Bestandteil der Strategie? Ansonsten finde ich alle Punkte für die Zukunft wieder, die ich für wichtig erachte als Unternehmer. 
Es sind sieben Schwerpunkte geworden. Welcher ist der wichtigste? Können Sie die priorisieren?
Carsten Christ: Ja, das kann man absolut priorisieren. Ich denke die Themen Digitalisierung und Fachkräfte sind die wesentlichen Herausforderungen der nächsten Jahre. Auf der einen Seite müssen wir mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf unsere Arbeit klar kommen. Das betrifft Inhalte, Fertigkeiten, Arbeitszeiten, Berufsbilder und mehr. Darauf müssen wir uns als Unternehmer einstellen; aber auch die Mitarbeiter. Und damit sind wir auch schon beim Thema Fachkräfte.
Trotzdem wird der Nachwuchs für die Betriebe nicht ausreichen.
Carsten Christ: Wir werden aus eigener Kraft nicht das Fachkräftepotenzial generieren können, das wir in der Region brauchen. Wir brauchen Zuwanderung. Dafür müssen wir den Rahmen schaffen oder die vorhandenen Bedingungen gemeinsam mit der Politik verändern.
Zuwanderung scheint bislang schwierig für Brandenburg zu sein. Eine breite Willkommenskultur ist nicht selbstverständlich. Kann die regionale Wirtschaft hier wirksam werden?
Carsten Christ: Wir haben dieses Thema vor kurzem unter den drei Brandenburgischen Kammern diskutiert. Es gibt erste Überlegungen gemeinsam mit den anderen beiden Kammern, eine Marke aus unserem Land zu machen. Diese Marke müssen wir international verkaufen. Es muss im Ausland positiv wahrgenommen werden, dass hier eine tolle Region ist, in der man arbeiten kann als Unternehmer und als Mitarbeiter.
Wir haben in Ostbrandenburg viele skeptische Menschen hinsichtlich Migration. Wie wollen wir mit ihnen gemeinsam eine Willkommensatmosphäre schaffen?
Carsten Christ: Ja, da gibt es viel Argwohn, der sich auch in den jüngsten Wahlergebnissen zeigt. Aber wir haben uns von der Vollversammlung das Votum abgeholt eine offene Region zu sein und uns dem Thema Zuwanderung zu widmen. (Top 3 der Zielstellung im Thema „Herausforderung Demografie“ in der Strategie 2025. Anmerkung der Redaktion). Ich kenne die Ängste vor Zuwanderung aus dem eigenen Unternehmen. Meine Lösung für das Problem ist Konfrontation. Wir stellen fest, dass nach dem ersten Kontakt mit Geflüchteten in der Belegschaft, und so wird es auch in der Unternehmerschaft sein, sich der Blick ändert: Man erkennt sofort die Qualitäten der Person und wird nicht von der Angst vor dem Fremden regiert. Das ist der beste Weg um Ängste und Hemmungen abzubauen. Diese Aufgabe haben wir uns als IHK-Präsidium und im Ehrenamt für dieses Jahr vorgenommen.
Die Vollversammlung hat die Strategie 2025 beschlossen. Sie ist Handlungsrichtlinie für die IHK-Arbeit. Wie geht es weiter?
Carsten Christ: Dem Hauptamt, den Mitarbeitern der Kammer ist im Dezember die Strategie 2025 erklärt worden. Das Hauptamt wird jetzt Maßnahmen zur Umsetzung vorschlagen. Die Ausschüsse und die Vollversammlung stehen bereit und mit ihnen wird die Arbeit ausgestaltet.
Wenn wir in einem Jahr zurückblicken, worüber würden Sie sich freuen wollen?
Carsten Christ: Gut für unsere Region wäre, wenn wir gemeinsam mit der Landesregierung Ergebnisse hinsichtlich Infrastruktur- und Netzentwicklung präsentieren können. Wir brauchen Wege und Internet auch in den berlinfernen Räumen. Das sind die Maßnahmen, mit denen wir an allen Orten in Ostbrandenburg gut wirtschaften können.
Worüber reden wir in fünf Jahren?
Carsten Christ: Tesla ist derzeit das bewegendste Thema in der Ostbrandenburger Wirtschaft. Wir als regionale Wirtschaft werden erhebliche Chancen und Herausforderungen erleben. Deshalb müssen wir als IHK unbedingt von der Landesregierung in die Vorbereitungen eingebunden werden. Ich möchte in fünf Jahren sagen können: 2020 hat eine neue Zeitrechnung begonnen.
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