FORUM Januar/Februar

Auf Bio umstellen wird teuer

Agrafrisch ist kein idyllischer Bauernhof, agrafrisch ist ein konventionell arbeitendes landwirtschaftliches Unternehmen im Landkreis Oder-Spree. Es fühlt sich der Kreislaufwirtschaft, dem Tierwohl und der Direktvermarktung verpflichtet  - und muss sich immer wieder neu erfinden.
Milch aus dem Labor, die genauso schmeckt, genauso aussieht und die gleichen Inhaltsstoffe hat wie die von Kühen? Benjamin Meise hat keine Zweifel, dass es die künstliche Milch eines Tages geben wird. Labor-Food - eine Horrorvorstellung nicht nur für Landwirte wie ihn. Der 39-jährige ist Geschäftsführer der Fürstenwalder Agrarprodukte GmbH Buchholz, die mit drei weiteren Betrieben in der Unternehmensgruppe agrafrisch vereint ist. Agrafrisch produziert mit 740 Kühen Milch und mit 20 000 Hühnern Eier, baut auf 3400 Hektar Ackerland zwischen Steinhöfel und Briesen vorwiegend Getreide an und erzeugt Energie in der betriebseigenen Biogasanlage und macht aus dem Abfallprodukt Rinderdung für den Verkauf.
Rund 50 Mitarbeiter sind in dem Unternehmen beschäftigt, etwa zehn Prozent kommen aus dem polnischen Nachbarland. Das mag auch daran liegen, dass Benjamin Meise, der an der Viadrina in Frankfurt (Oder) Betriebswirtschaft studiert und eine polnische Frau hat, gut Polnisch kann. Oliwia Majdosz, die gerade die Kälbchen füttert, lächelt, als ihr der Chef ein gutes neues Jahr in ihrer Heimatsprache wünscht. „Sie ist Azubine im zweiten Lehrjahr bei uns und wird Tierwirtin“, erklärt Benjamin Meise beim Rundgang durch die Stallanlage. Die Polen kämen gern, weil sie hier Euro verdienten und dennoch in Heimatnähe seien. Außerdem habe das Unternehmen immer über dem Bedarf ausgebildet. Deshalb macht ihm der Nachwuchs derzeit die geringsten Sorgen.
„Es ist eher der fehlende Gewinn, der so wichtig ist, um nachhaltig produzieren und mehr investieren zu können.“  Schuld daran seien die schlechten Preise, sagt Meise, der sich auch an den jüngsten Bauernprotesten beteiligte. Ein leidiges Thema sind seit Jahren die nicht kostendeckenden Milchpreise, jeder fünfte Betrieb in Brandenburg hat bereits aufgegeben. 35 Cent werden momentan für das Kilo gezahlt. „Wir machen jeden Tag Verlust, aber im Gegensatz zu Maschinen kann man bei Kühen nicht einfach den Schalter umdrehen. 37 Cent bräuchten wir, um die Kosten zu decken. 40, um Gewinn zu machen.“ Zum Vergleich: ein Liter Hofmilch (unbehandelte Rohmilch) verkauft agrafrisch für einen Euro, pasteurisierte Milch für zwei Euro pro Liter.
Eigenes Labor
Um über Produktveredlung und Direktvermarktung mehr Geld in die Kasse zu bekommen  - und auch um das Image der Landwirtschaft zu verbessern – hat agrafrisch vor einigen Jahren tief in die Tasche gegriffen und für eine Million Euro eine eigene Molkerei mit Labor direkt neben dem Kuhstall gebaut. Unmittelbar davor kann heute jedermann an der automatischen Zapfstelle jeden Tag frische Milch kaufen. Andreas Messing aus dem Nachbarort Berkenbrück kommt drei Mal pro Woche vorbei, weil „diese Milch noch nach Milch schmeckt und unbehandelt ein echtes Lebensmittel ist“, lobt er.
20 Tonnen Milch werden täglich in Buchholz gemolken, aber nur drei Prozent schaffen es bis zu den 14  Zapfstellen. Die Molkerei besser auszulasten, das ist eines der Ziele, an denen Benjamin Meise und seine Mitarbeiter arbeiten. „Wir wollen den Milchabsatz in der Direktvermarktung steigern und sind dabei, gemeinsam mit dem Syrer Beslan Kabataj eine Joghurt- und Käseproduktion, vorwiegend für Berlin, auf den Weg zu bringen. Er hat das Knowhow, wir die Grundprodukte und die Infrastruktur.“ Ein Teil der Buchholzer Milch geht auch direkt in die Beeskower Eisproduktion.
Suche nach Produkten
Der umtriebige Chef, der viel liest, zahlreiche Bildungsveranstaltungen besucht und intensiv den Markt beobachtet, ist ständig auf der Suche nach neuen Produkten. Der Klimawandel, der nachweislich schlechtere Ernten bringt, zwingt auch zu Experimenten in der Ackerwirtschaft. Testfelder für Soja, Lupine und Nutzhanf werden abgelegt, ein neues Anbauverfahren, bei dem der Boden nicht mehr bewegt wird, wird getestet. Um „das Risiko aus dem Geschäft zu nehmen“, werden besonders trockene Flächen – das sind etwa 25 Prozent – nicht mehr bewirtschaftet und zu Blühstreifen umgewandelt. „Ein Beispiel dafür, dass wir uns immer mehr hin zu Naturschutzproduzenten entwickeln“, sagt Meise.
Im Unternehmen habe man natürlich auch überlegt, sich als Biobetreib zertifizieren zu lassen.  „Die Umstellung würde uns etwa eine halbe Million Euro kosten“, hat Meise errechnet. „Aber ich sehe nicht, dass wir als Bioproduzent mehr Gewinn machen würden. Denn im Moment gibt es in dem Bereich mehr Anbieter als Abnehmer.“ Zahlreiche Verbraucher könnten sich die teureren Bioprodukte nicht leisten oder seien nicht bereit, diese zu kaufen, weil von den anderen Produkten viel zu viel da seien. „Das ist auch der Grund dafür, dass wir Landwirte keine auskömmlichen Preise erzielen können.“ Auch wenn agrafrisch kein Biobetrieb ist, Benjamin Meise ist sich sicher, „dass kein Labor unsere Milch von Biomilch unterscheiden kann.“ Zwar werden in seinem Betrieb Kunstdünger und chemische Schädlingsbekämpfungsmittel eingesetzt, aber auch die natürlichen Kreisläufe funktionieren. „Wir versuchen, alle Nährstoffe, die in den Ställen anfallen, auch aufs Feld zu bringen und müssen keine Gülle durch die Gegend fahren.“
Benjamin Meise wollte eigentlich gar nicht Landwirt werden, ist dann aber doch in die Fußstapfen seines Vaters getreten. Bereut hat er es nicht.  „Die Arbeit macht mir Spaß, auch wegen der vielen Herausforderungen“, gesteht der Vater zweier Kinder. Was er sich wünscht? Natürlich bessere Erlöse für agrafrisch und seine hart arbeitenden Mitarbeiter. „Uns würde aber auch helfen, wenn man unsere Arbeit mehr wertschätzt.“
von Ruth Buder