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Was ist eigentlich eine unternehmerische Innovation?


,,Innovation" dürfte weltweit neben ,,Kapital" zu den inzwischen am häufigsten im Bereich der Wirtschaft und darüber hinaus in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit verwendeten Begriffen gehören.
Der Terminus ,,Innovation" stammt aus dem Lateinischen und bedeutet hier sinngemäß Neuheit, Neuerung, Neueinführung oder Erneuerung.
Gerade dieser Bezug zum Neuen macht ihn so beliebt, zumal wenn das Neue noch unvermittelt mit Veränderung, dem Anderssein im Vergleich zum Alten oder gar mit Fortschritt gekoppelt wird. Wer möchte da in der Gesellschaft nicht als innovativ gelten?
So wird der Innovationsbegriff in vielfältiger Weise verwendet, definiert und abgegrenzt.Politiker benutzen ihn oft anders als Unternehmer und deren Verständnis kann sich von dem der Forscher und Ingenieure unterscheiden. Ein Banker mag noch eine andere Vorstellung davon haben und ein Verwaltungsmanager wiederum seine eigene. Hinderlich wird dies dann, wenn sie alle, was nicht selten der Fall ist, unternehmerische Innovationen in gemeinsamen Projekten befördern wollen.
Zu Recht erwarten wir von all diesen Akteuren in wirtschaftlichen und anderen gesellschaftlichen Leistungsprozessen, das sie, gemessen an sich ständig verändernden Bedingungen und Anforderungen, immer wieder innovativ sind.
Dies bedeutet allerdings nicht schlechthin, das etwas ,,neu" oder ,,anders" gemacht wird als es bisher gemacht wurde bzw. wie es andere machen. Neu und anders muss sich auf die Lösung eines neuen oder bekannten Problems beziehen und demjenigen der dieses Problem hat, Vorteile z.B. gegenüber bisherigen (alten) und anderen neuen Lösungsangeboten bieten. Das Neue sollte also eine Funktion, einen Zweck erfüllen. Es geht bei Innovation nicht vordergründig um ,,neu" als Eigenschaft sondern um ,,erneuern" als problemlösungsorientierteTätigkeit, Aktivität, als Prozess und anwendbares Resultat.
Ungeachtet dessen, was wer in anderen gesellschaftlichen Tätigkeitsbereichen auf diesem Hintergrund letztlich unter Innovation versteht, für den Bereich der Wirtschaft,  für Unternehmen sollte gelten: 
Innovationen im ökonomischen Sinne sind erstmalige bzw. verbesserte Problemlösungen technischer und/oder wirtschaftlicher, organisationaler bzw. sozialer Art, die von Unternehmen am Markt platziert oder in ihren Leistungsprozess eingeführt werden und geeignet sind Unternehmensziele auf vorteilhaftere Weise zu erreichen.
Dieser Versuch der Definition einer unternehmerischen Innovation verdeutlicht zugleich die Schwierigkeiten dieser Begrifflichkeit, ihre Komplexität und Vielschichtigkeit. Hier handelt es sich nicht um ein bloßes definitorisches Problem. Es geht um ein Verständnis von "Innovation" in seiner Einheit von Prozess und Ergebnis, von Voraussetzungen und Wirkungen, weil dies die Denk- und Verhaltensweisen aller an Innovationsprozessen Beteiligten bzw. davon Betroffener bestimmt.
Hilfreicher als Auseinandersetzungen über  die Gültigkeit von Begriffsdefinitionen sind deshalb in jedem Fall Versuche Konsens über das Verständnis von Innovation zu erzielen. Das Innovationsverständnis lässt sich recht gut über die jeweiligen Orientierungen bezogen auf die verschiedenen Dimensionen von Innovation vermitteln.
Als solche gelten die: 


1. Objektdimension = Was erneuern?
2. Intensitätsdimension = Wie "neu" ist die Problemlösung?
3. Subjektdimension = Für wen ist die Lösung neu?
4. Prozessdimension = Welche Phasen durchläuft ein Innovationsprozess?
5. Zeitdimension = Wann beginnt/endet der Innovationsprozess?
6. Normative Dimension = Ist das Neue vorteilhafter als das Bekannte (Alte)?
7. Räumliche Dimension = Wo findet die Innovation statt?  

Einige dieser Dimensionen sollen kurz näher betrachtet werden.
Objekte der Erneuerung durch die Innovationstätigkeit eines Unternehmens können Produkte und Leistungsprozesse sein. Bei Produktinnovationen handelt sich um materielle Güter (technische Produktinnovation) oder immaterielle Güter im Sinne von Dienstleistungen (wirtschaftliche Innovationen). Als Prozessinnovationen werden technisch-technologische Verfahren zur Produktherstellung und weitere Erneuerungen vielfältiger betrieblicher Funktionen wie Einkauf, Logistik, Auftragsabwicklung, Montage, Projektmanagement, Controlling und andere Managementprozesse bezeichnet. Schließlich gehören zu den Sozialinnovationen alle neuartigen Lösungen im Bereich der Humanressourcen, z.B. hinsichtlich Einsatz und Entwicklung von Personal, Gestaltung innerbetrieblicher Kooperation und Teambildung, wie auch der sozialen Beziehungen zu Akteuren und Innovationspartnern in den Unternehmensumfeldern (Kundenmanagement, FuE-Kooperation usw.) In vielen Innovationsprozessen sind Produkt und Prozessinnovationen, technische und soziale Innovationen eng miteinander verflochten und bedingen sich wechselseitig. Kleine und mittlere Unternehmen neigen unter dem Wettbewerbsdruck stärker dazu Produktinnovationen zu präferieren, Großunternehmen haben längst auch das Effizienzpotential von technischen und sozialen Prozessinnovationen in Verbindung mit Produkterneuerungen erkannt. 

An die Frage des Innovationsschritts, des Ausmaßes in dem ein Produkt oder Prozess neu geschaffen bzw. verbessert wird, kann sehr differenziert herangegangen werden. Das Spektrum der Möglichkeiten reicht hier von kleinsten unbedeutenden Modifikationen (sog. Pseudoinnovationen) über weit reichende Verbesserungen bekannter Problemlösungen bis hin zu radikalen Neuerungen, bei denen Produkte und Prozesse völlig neue Problemlösungen darstellen. Es gibt in der Innovationsorientierung von Unternehmen, ob größer oder kleiner, hinsichtlich der anvisierten Innovationshöhen keine signifikanten Unterschiede. Generell überwiegen in der Wirtschaft Verbesserungsinnovationen, aber kleine und mittlere besonders technologieorientierte Unternehmen sind auch Motoren bei der Hervorbringung von Radikalinnovationen., die erst wieder einen neuen Schub für Verbesserungen ermöglichen.
Als Faustregel gilt, je höher der Innovationsgrad, je größer der wahrscheinliche Wettbewerbsvorsprung, je größer aber häufig auch die Aufwendungen an Kreativität, Kapital und Zeit. Die Ermittlung und Festlegung der angemessenen Innovationshöhe z. B. bezogen darauf, was der Kunde fordert bzw. "mitgeht", der Gesetzgeber als Minimum evtl. vorschreibt, was erforderlich ist, um Konkurrenten zu übertreffen, was technisch und finanziell "machbar" ist, gehört zu den wichtigsten Aufgaben des Innovationsmanagement im Unternehmen.  

Hinsichtlich der Bezugsebenen für die Beurteilung der Neuheit einer Problemlösung bezieht das betriebswirtschaftliche Innovationsverständnis eindeutig Position. Für eine Unternehmung liegt eine Innovation dann vor, wenn sie eine technische oder soziale Neuerung erstmalig nutzt, unabhängig davon, ob andere diesen Schritt bereits vor ihr getan haben oder nicht. (nach Witte, 1976). Dies schützt vor der Gefahr mit ,,Neuheiten" für das Unternehmen routiniert wie mit dem bisher Gewohnten  umzugehen, und erfordert ein erfolgsorientiertes Innovationsmanagement. Zu einem solchen Verständnis neu für das Unternehmen können dann solche Perspektiven wie ,,neu für die Branche", ,,neu für die nationale Volkswirtschaft" oder gar ,,neu für die Welt" von Fall zu Fall hinzukommen, was sicher Aufwendungen und Ertragserwartungen, Chancen und Risiken des Innovationsprozesses und Anforderungen an sein Management erheblich beeinflusst. 

Der Zeitfaktor spielt im Innovationswettbewerb eine entscheidende Rolle. Eine neue oder verbesserte Problemlösung sollte rechtzeitig (zum richtigen Zeitpunkt) ökonomisch als Innovation realisiert werden. Zeitpunkt des Beginns eines Innovationsprozesses, Zeitdauer seines Verlaufs und Zeitpunkt der Erreichung einer anwendungsfähigen  Problemlösung sind die entscheidenden Bezugsgrößen.
Mit einer Innovation kann zu früh (Kunden nicht vorbereitet oder technische Machbarkeit unsicher, Ressourcen des Unternehmens überfordert),zu spät (Konkurrent hat zu großen Entwicklungsvorsprung oder Produkt bereits in Reifephase) oder aus verschiedenen Perspektiven betrachtet zum richtigen Zeitpunkt begonnen bzw. eingeführt werden.
Sicher werden Innovationen von Unternehmen realisiert aber nicht nur durch oder in Unternehmen allein hervorgebracht. Ein Unternehmen kann seinen Innovationsprozess räumlich nun lokal, regional bzw. national, aber international und global organisieren, in dem es jeweils entsprechende Partner, z.B. Kunden, Zulieferer und FuE- Kooperationen einbezieht. Auch hier ist es durchaus nicht so, dass die kleinen und mittleren nur bezogen auf lokale und regionale Räume agieren, sondern ein zunehmender Anteil tut dies auch national und international. Sicher gehört die ,,globale Innovationsbühne" auch überwiegend den sogenannten Globalplayern. 
Wie illustriert wurde, gibt es auf jeder der Dimensionen des Innovationsverständnisses nicht nur eine Strategie des Vorgehens, sondern stets mehrere Möglichkeiten zur ,,Auswahl". Gerade deshalb ist es so wichtig durch ein entsprechendes Innovationsmanagement Konsens im Unternehmen und zwischen den beteiligten Partnern in den Unternehmensumfeldern über die Anlage des Innovationsprozesses nach den genannten Dimensionen zu erzielen und immer wieder neu herzustellen, um zum Beispiel nicht am Kunden vorbei oder auf zu geringem Wissensniveau zu innovieren. Je größer die Schnittmengen dieses Verständnisses zwischen den jeweiligen Akteuren sind, je größer die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs.
Schließlich wird deutlich selbst kleine Unternehmen können in vieler Hinsicht innovativ sein bezogen auf die eigenen Leistungsprozesse und die Leistungsangebote für den Markt. Sie müssen dafür durchaus nicht immer radikale technische Produktneuerungen mit eigener FuE realisieren, Es geht auch um kleinere Prozessverbesserungen, um die Nutzung moderner Informationssysteme, verbesserte Serviceleistungen, effizenteren Ressourceneinsatz und vorteilhaftere Kooperationsbeziehungen.

Der Autor:
Prof. Dr. Rainer Voß ist
Dekan des Fachbereichs Betriebswirtschaft/Wirtschaftsinformatik der
Technischen Fachhochschule Wildau
Tel.: 0 33 75/ 5 08-9 10
E-Mail: rvoss@igw.tfh-wildau.de

Veröffentlicht: Mai 2010
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